Test: Arturia MiniBrute 2S

Test: Arturia MiniBrute 2S

Tests 3. Februar 2019

Beim MiniBrute 2S des französischen Herstellers Arturia handelt es sich um einen monophonen, semimodularen Analogsynthesizer mit detaillierter Klangregelung. Der MiniBrute 2S ist die zweite Neuauflage der MiniBrute-Reihe, mit der Arturia 2012 den Einstieg ins Hardware-Geschäft fasste. Zuvor waren die Franzosen in erster Linie für Softsynths bekannt, konnten mit ihren erschwinglichen Analoggeräten jedoch schnell punkten. Die voll analoge Klangerzeugung des MiniBrutes hat sich seit 2012 wenig verändert: Über die charakteristischen Schieberegler lassen sich Sägezahn-, Rechteck-, Sinuswelle und Co. nach Belieben ineinander blenden. Seit dem MiniBrute 2 ist eine Patchbay integriert, die mit 48 Steckplätzen eine Menge zusätzliche Möglichkeiten schafft. Der aktuelle MiniBrute 2S besticht durch einen neuen Sequenzer - deswegen das "S" - der im folgenden Test besonders unter die Lupe genommen wird. Aber auch die bewährten Eigenschaften der MiniBrute-Reihe sollen im Hinblick auf Sound und Workflow betrachtet werden.

Anschlüsse, technische Daten und Verarbeitung

Monophone Synthesizer wie der MiniBrute 2S kommen hervorragend mit nur einer 6,35-mm-Klinkenbuchse pro Master- und Kopfhörerausgang aus. Als class-kompatibles Gerät ermöglicht der USB-Anschluss das Updaten der Firmware sowie das Speichern von Sequenzerdaten auf dem PC. MIDI Ins und Outs, Kensington-Diebstahlsicherung und DC-Eingang komplettieren die rückseitigen Anschlussoptionen. Die klassischen Holzkanten sorgen für einen Retro Look und verfügen über die von Arturia patentierten Anschlüsse für die Verbindung mit den RackBrutes. Mit Außenmaßen von 484 x 277 x 56 mm und einem Kampfgewicht von 3,5 kg ist der MiniBrute 2S allerdings alles andere als mini. Dafür hat man auf der Oberfläche mehr Platz für die zahlreichen Bedienelemente: Die 12 Fader haben eine angenehme Größe und einen schön festen Regelweg. Das sorgt für ein vollwertiges Spielgefühl und die Einstellungen bleiben da, wo sie sollen.

Die siebenkantigen Potiknöpfe kennt man von anderen Instrumenten aus dem Hause Arturia und auch beim MiniBrute 2S weiß die Mischung aus modernem Look und griffiger Handhabung zu überzeugen. Die kleinen Kippschalter machen ebenfalls einen soliden Eindruck und scheinen nicht so schnell auszuleiern. Mit besonders schicker Tweed-Ummantelung kommen die acht Klinkenkabel für die Patchbay daher. Die Kabel sitzen sehr fest in der Bay, was natürlich gut ist, allerdings wackeln die Buchsen selbst ein wenig. Die 16 Step Buttons sind after-touch-kompatibel und velocity-empfindlich, die 16 zugehörigen Endlos-Encoder sitzen fest und erlauben eine detailgetreue Eingabe. Die Menü-Pads aus der Sequenzersektion geben angenehm nach, sodass man stets bemerkt, wenn man eine Taste wirklich drückt, wobei das gut lesbare Display Aufschluss über die aktive Einstellungsebene gibt.

Die Sequenzersektion des MiniBrute 2S besticht außerdem durch eine interaktive Tastaturbeleuchtung, was auch bei schlechtem Licht eine gute Orientierung gewährleistet. In der oberen Hälfte erweisen sich besonders die in Blau aufgedruckten Zweitfunktionen als schwer lesbar, erst recht wenn es mal dunkler wird.  Auch wenn hier und da mal etwas wackelt, ist die Verarbeitung der MiniBrute 2S jedoch insgesamt gut. Das Instrument kommt mit Netzteil, fünf Patch-Kabeln und dem Arturia Cook Book. Letzteres ist eine sehr gelungene Preset-Anleitung im Ringbuchformat, die beim Einstieg in die komplexe Klangregelung des MiniBrute 2S hilft.

Synth-Sektion 1: VCOs und LFOs

Das Herzstück der Klangerzeugung bildet der VCO 1. Hier lassen sich ähnlich dem SH-101 von Roland verschiedene Wellenformen, etwa Sägezahn, Rechteck, Dreieck und Noise, per Schieberegler mischen. Für die gesamte VCO 1 Sektion gelten die Fine-Tune- und Glide-Regler, die einzelnen Wellenformen über weitere Potis justiert werden: Die Rechteckwelle verfügt über Pulswellenmodulation, die Sägezahnwelle kann mittels Ultrasaw-Regler fetter gemacht werden und bei der Dreieckswelle gibt es den sogenannten Metalizer. Der Metalizer fügt der obertonarmen Dreieckswelle Obertöne hinzu und wird standardmäßig von der Velocity moduliert. Die Pulswellenmodulation ist von Werk aus an LFO 1 gepatcht, der Ultrasaw Amount an LFO 2. So kann man auch ganz ohne Patchkabel einen lebendigen und vielschichtigen Klang erzeugen. Apropos LFOs: LFO 1 und 2 sind identisch und erlauben die Auswahl zwischen Sinus-, Dreick-, Sägezahn- und Rechteckwelle sowie Sample and Hold und Noise. Beim Range-Regler kann man entscheiden, ob die Frequenz frei geregelt wird oder mit dem Sequenzer synchronisiert werden soll. Bei freier Frequenzwahl haben die LFOs eine Reichweite von 0,0625 Hz bis 100 Hz.

Synchronisiert man die LFOs mit dem internen Tempo des MiniBrute 2S, sind Durchlaufzeiten von acht Takten bis Zweiunddreißigstelnoten möglich. Dem VCO 2  genügen ein Tuning-Regler, zwei Kippschalter und ein Fader für die Lautstärke. Einer der Kippschalter erlaubt die Auswahl zwischen Sinus-, Sägezahn- und Rechteckwelle, der andere bestimmt die Reichweite des Tuning-Reglers. Per FM-Regler aus der VCO 1 Sektion kann der VCO 2 außerdem als Frequenzmodulator dienen oder gleich als dritter LFO über die Patchbay verschickt werden. Beide VCOs haben den typischen Arturia-Sound, der irgendwo zwischen warm und analog, aber auch modern und bissig einzuordnen ist. Ihre Tune-Regler haben eine Reichweite von gut zwei Oktaven, allerdings verfügt der MiniBrute 2S über keinen Referenzton, sodass man auf externe Stimmgeräte zurückgreifen muss.

Synth-Sektion 2: Filter, Amp und Patchbay

Das Filter des MiniBrute 2S kann entweder als Lowpass- bzw. Highpassfilter mit einer Flankensteilheit von 12 dB fungieren oder als 6-dB-Bandpass- bzw. Notchfilter. Der Cutoff-Regler reicht von 20 Hz bis 18 kHz und ist orange hinterlegt, sodass man ihn jederzeit zwischen den 23 Potis wiederfindet. Standardmäßig ist der Cutoff mit dem Pressure-Wert des Sequenzers vorverdrahtet und kann über den Att 1 > Cutoff-Regler feinjustiert werden. Die ADSR-Fader können zusammen mit dem FM-Regler genutzt werden, um eine Filterhüllkurve zu erzeugen und der RM-Regler erlaubt über LFO 1 eine Resonanzmodulation des Filters. Insgesamt klingt das Filter des MiniBrute 2S sehr musikalisch und bietet eine Menge Modulationsoptionen, egal ob mit oder ohne Patchbay. Abgesehen vom Evergreen Lowpassfilter konnten vor allem die Notch- und Bandpass-Varianten überzeugen.

Im Vergleich zum ausführlichen ADSR-Envelope des Filters verfügt die Amp-Sektion über je nur einen Fader für Attack und Decay. Zusätzlich gibt es Regler für Master Volume, Global Tune, Att 2 > Amp und den Brute Factor. Letzterer ist ein spezielles MiniBrute 2S Feature, welches über eine Feedbackschleife den Klang verzerrt. Das Ergebnis sind dem Namen entsprechend brutale und schwer vorhersehbare Sounds. Über Att 2 > Amp lassen sich infinite-Decay-Klänge realisieren, wodurch man beide Hände frei hat, um die Klangregelung der MiniBrute 2S zu bedienen. Die 48 Buchsen der Patchbay lassen die Klangfärbungsoptionen den MiniBrute 2S regelrecht explodieren. Neben den zahlreichen Buchsen für bereits erwähnte Parameter gibt es zwei Attenuatoren und einen Inverter für noch detailliertere Klangregelung.

Sämtliche Buchsen sind sinnvoll in Gruppen unterteilt und auch weit entfernte Stecker sind problemlos mit den gelieferten Kabeln zu erreichen. Ausgänge sind mit grauer Schrift auf weißem Hintergrund gekennzeichnet, Eingänge nur mit weißer Schrift. Dieses konsequente Design erleichtert den Überblick und beugt unsinnigen Patch-Verbindungen vor. Das im Lieferumfang enthaltene Cook Book liefert jede Menge Anregungen, um sich schnellstmöglich und auf musikalische Weise mit der Patchbay vertraut zu machen.

Sequenzer und Arpeggiator

Über den On Button unten links in der Sequenzersektion aktiviert man den Arpeggiator. Gleichzeitig gedrückte Step Buttons werden nun nacheinander abgespielt und einzelne Töne mit einer Art Beat Repeat versehen. Gibt man einen neuen Arpeggio ein, wird fortan dieser gehalten und der vorherige überschrieben. Der Shift-Knopf ist in Kombination mit den Step Buttons für weitere Einstellungen verantwortlich, die gleichermaßen für den Sequenzer funktionieren. So lässt sich etwa auf den ersten vier Pads die Laufrichtung einstellen. Die möglichen Reihenfolgen sind aufwärts, abwärts, alternating und random. Das Tempo des Arpeggios ist über den großen Tempo-Regler justierbar, wobei der Shift-Knopf mit den Step Buttons fünf bis acht die Subdivision einstellt. Der MiniBrute 2S verfügt hierfür über Viertel, Achtel, Sechzehntel und Zweiunddreißigstel, auf ternäre Unterteilungen wurde leider verzichtet. Praktisch ist, dass man die Arpeggios auch halten kann, indem man den On Button zusammen mit dem Shift-Knopf drückt. Dadurch hat man die Hände frei, um bei laufendem Arpeggiator die Klangerzeugung zu bedienen.

Für die Eingabe von Sequenzen verfügt der MiniBrute 2S über einen Echtzeit- und einen Step-Recording-Modus. Intuitiver ist der Echtzeit-Recording-Modus, weil Melodieverläufe, Velocity und Pressure hier gleichzeitig über die Step Buttons eingespielt werden können. Im Step-Recording-Modus passiert die Eingabe von Triggern und zugehörigen Parametern hingegen separat: Zuerst wählt man über die Step Buttons aus, welche Zählzeiten getriggert werden und kann dann über die Step-Encoder beispielsweise die Tonhöhe bestimmen. Das dauert länger, erzeugt durch schnelle und relativ willkürliche Drehungen aber interessante Zufallssequenzen. Für diese Methode sind die Scale Presets des MiniBrute 2S besonders hilfreich, da sie die Anzahl der "falschen" Töne gering halten. Neben der chromatischen Tonleiter stehen noch Major, Minor, Dorian, Harmonic Minor, Blues und eine Custom-Skala zur Auswahl.

Außer der Tonhöhe lassen sich aber auch Parameter wie Glide, Velocity und Pressure programmieren. Letztere können dann wiederum über die Patchbay als Modulatoren für die zahlreichen Parameter des MiniBrute 2S verwendet werden. Über den Last-Step-Knopf wird die Länge des aktiven Patterns eingegeben, wobei von einem bis 64 Steps alles möglich ist. Deaktiviert man den Recording-Modus bei weiterlaufender Sequenz, kann man zusätzliche Töne spielen, ohne dass diese aufgenommen werden. So lässt sich praktisch über eine aufgenommene Sequenz solieren, wobei die neu getriggerten Step Buttons die aufgenommenen überschreiben, falls sie sich überlagern sollten - schließlich ist der MiniBrute 2S nach wie vor monophon. Aufgenommene Sequenzen lassen sich übrigens kinderleicht transponieren. Dazu muss nur der Transpose-Knopf zusammen mit den Octave + oder Octave - Pads gedrückt werden.

Um chromatisch zu transponieren, kann man auch die Step Buttons mit der Transpose-Taste nutzen. In der Edit-Sektion des MiniBrute 2S befinden sich weitere hilfreiche Makrofunktionen: Einzelne Trigger oder ganze Patterns können per Knopfdruck gelöscht, kopiert, verschoben und gespeichert werden. Das Bearbeiten von Patterns geschieht auf vier Bänken mit jeweils 16 Patterns. Alle Einstellungen der aktiven Bank befinden sich dabei im temporären Speicher des MiniBrute 2S und werden auch beibehalten, wenn man das Pattern wechselt - vorausgesetzt das neue Pattern ist aus derselben Bank. Einen dedizierten Song-Modus gibt es zwar nicht, die unterschiedlichen Patterns des MiniBrute 2S lassen sich aber chainen, um auch größere Arrangements umzusetzen.

Fazit

Wie von einem analogen Synthesizer zu erwarten überzeugt die MiniBrute 2S besonders durch ihren warmen und organischen Klang. Als monophones Instrument eignet sie sich sehr gut für Bässe und Lead Lines, mit etwas mehr Know-how sind aber auch Drum Sounds möglich. Die ausführliche und weitestgehend stufenlos agierende Klangregelung belohnt geduldig Schraubende immer wieder mit großartigen Ergebnissen, ohne dass Arturia sie auf dem Silbertablett serviert. Zusammen mit der Kombination aus Fadern, Potis, Patchbay und Co. lädt die MiniBrute 2S zum Experimentieren ein und bietet ein stets abwechslungsreiches Spielgefühl. Abzüge gibt es jedoch für die unhandliche Größe und die schlecht ablesbaren Zweitfunktionen in der unbeleuchteten oberen Hälfte. Auch der Versuch, die Step Buttons durch weiße Hinterlegungen nach einer Klaviatur aussehen zu lassen, vermag das Echtzeitspiel leider nur wenig zu erleichtern. Den Verzicht auf eine richtige Klaviatur macht Arturia aber durch die Funktionalität und Bedienbarkeit des implementierten Sequenzers wieder wett.

Wie die Namensgebung vorwegnimmt ist der Sequenzer des MiniBrute 2S DAS Update im Vergleich zu ihren Vorgängermodellen. Wie ein Arpeggiator auf Steroiden erlaubt er die Eingabe komplexer Melodieverläufe und hält die Hände frei, damit diese die Klangregelung bedienen können. Die Idee, nicht nur Tonhöhen, sondern auch Werte wie Glide oder Velocity vorprogrammieren zu können, erzeugt zwar multidimensionale Patterns, kann aber in puncto Workflow und Flexibilität nicht mit aktuellen Sequenzern der Konkurrenz mithalten. Insbesondere Elektron hat hier mit seinen Trig Conditions und Parameterlocks die Messlatte für modernes Sequenzieren hochgesetzt. Unterm Strich ist die Arturia MiniBrute 2S trotzdem als vollwertiges, analoges Instrument zu sehen und nicht etwa als einsteigerorientierte Lightversion. Das liegt jedoch primär am Sound und den vielen verschiedenen Bedienelementen, wobei der Sequenzer mehr als Bonus, statt als Aushängeschild daher kommt.

 

Pro

Schöner Analog-Sound
Tolle Haptik durch verschiedene Bedienelemente (Patchbay!)
Starke Documentation mittels Cook Book und Anleitung

Kontra

Relativ groß
Nicht alle Funktionen sind bei schlechtem Licht erkennbar

 

Preis: 573,00 EUR
Weitere Informationen finden sich auf der Website von Arturia.

Veröffentlicht in Tests und getaggt mit analog , arturia , MiniBrute 2S , Synthesizer

Geschrieben von:
Kai Dombrowski

0 Kommentare zu "Test: Arturia MiniBrute 2S"

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.