In den Clubs stehen wir beisammen und unterhalten uns über Sounddesign, DJ-Skills, Clubanlagen und dem generellen Ahnunghaben. Eingehüllt in tiefstem Schwarz begegnen wir uns mit ernster Miene in den Schlangen (Anm.d.Red. Der Autor dieses Artikels geht selbst stets in all black vor die Tür), wohl darauf bedacht, nicht aufzufallen und doch den Spirit des Technos nach außen zu tragen. Zu Clubbangern, Dancefloor-Killern und "treibenden" Beats marschieren wir über die Tanzflächen und präsentieren hier und da bei abstrakten Ambientklängen, Industrial Noise und komplizierten Polyrhythmen unsere nachdenkliche Seite. Techno bleibt elitär, bleibt underground. Und im Underground geht es nun mal zum Lachen in den Keller.

Vielleicht aus der avantgardistischen Tradition der Neuen Musik heraus, vielleicht aber auch aus einem Abwehrverhalten gegen das Klischee, generische Musik aus der Dose zu sein, packten wir unser liebstes Kind, den Techno, in eine Schutzhülle. Penibel pflegen wir das Image unserer Szene in verschwommenen Schwarz-Weiß-Bildern, den Blick introvertiert von der Kamera abgewandt. Vor ein paar Jahren machten die 90s Boiler Room Videos von Satiriker Shahak Shapira im Netz die Runde. Kurze Ausschnitte aus bekannten Sets wurden mit 90er "Trash"-Pop unterlegt. Unterschwellig parodierten die Videos die mediale Repräsentation der Szene, im Grunde aber sind es harmlose, aber gute Gags. Nicht aber für Boiler Room, die vorsorglich sämtliche Videos aus dem Netz entfernen ließen. Man wolle die KünstlerInnen schützen und nicht zum öffentlichen Gespött werden lassen, so heißt es in ihrer Argumentation. Auch wenn Boiler Room im Nachhinein den Videos eine Freigabe erteilte, die anfängliche Argumentation zeigt deutlich das Selbstverständnis einer Szene: Bloß nicht lächerlich sein, immer mit betonter Coolness die Fahnen der Subkultur in den Wind halten.

Natürlich kann Techno politisch und Avantgarde sein, angesichts teilweise exorbitanter Gagen und globaler Jet-Set-Dauerpräsenz darf man mittlerweile den Begriff "Underground" aber auch getrost ad acta legen. Wenn ein weltweit agierendes Unternehmen wie Boiler Room, welches KünstlerInnen zum zentralen Argument ihrer Shows macht, und DJs mit passenden Bildern vom Edelitaliener auf professionell geführten Social Media Kanälen eine Repräsentation des "Untergrunds" sind, schreiben wir damit den größten Running Gag unserer Szene. DJs sind schon längst Stars und Techno ein Teil der Popmusik, was zunächst auch gar kein Problem darstellt. Techno erreicht mittlerweile Menschen aus allen Ländern der Welt, von Großstädten bis zur Provinz (was durchaus auch dem oben kritisierten Unternehmen zu verdanken ist). Dadurch wächst die musikalische Bandbreite des Genres, neue kulturelle Einflüsse finden ihren Weg in die Szene und Techno wird zu einer weltweit gesprochenen Sprache.

Doch wollen wir diesen Paradigmenwechsel vom Underground zur Popkultur nicht ganz wahrhaben und verharren in unserer urbanen Blase aus Ernsthaftigkeit. Über sich selbst zu lachen ist nicht gleichbedeutend mit dem Untergang der Szene und ein betont lässigerer Umgang mit der kommerziellen Seite der Musik ist nicht der unmittelbare künstlerische Tod. Vielmehr bietet die humorvolle Auseinandersetzung mit dem Techno eine Chance, Klischees und Entwicklungen zu hinterfragen und sich selbst zu reflektieren (Shoutout an dieser Stelle an das Backstage Magazin und Techno The Gathering).

Gleichzeitig ist das gemeinsame Sich-lächerlich-machen nur förderlich für die eigene Identität einer Szene. Schließlich pilgern wir alle immer wieder gerne am Wochenende zu den Clubs, um dort mit ernster Miene in den Schlangen auszuharren um drinnen über Sounddesign, Clubanlagen und dem generellen Ahnunghaben zu debattieren. Das sieht dann von außen wie von innen betrachtet zuweilen lächerlich aus und das zu akzeptieren, ist genau das, was uns fehlt. Wir sind gerne Teil dieser Szene mit all ihren blödsinnigen und seltsamen Codes und Verhaltensweisen, sie gibt uns das Gefühl von Zugehörigkeit, Identifikation und Zusammenhalt.

Also lasst sie uns doch mit etwas mehr Selbstironie und Lockerheit beleben und bereichern. Dann braucht es auch keine völlig unlustigen Texte mehr über Humor.

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