Essentials: Eurodance

Essentials: Eurodance

Features 17. November 2019

Die elektronische Musik hat im Laufe der Zeit viel Großartiges hervorgebracht. Grenzen wurden gesprengt und unsere Vorstellung von Musik nachhaltig verändert. Elektroakustische Werke eines Stockhausens, experimentelle Tape Loops von Steve Reich, das Ausloten der Tiefe im Dub oder die meditativen Klänge des Ambients. Wenn man es weniger spezifisch machen möchte: die weltweite Bewegung namens House und Techno. Na ja, und dann ist da eben noch der Eurodance. Es ist höchstwahrscheinlich nicht anmaßend, jenes Genre aus den 90ern als blanken Trash zu bezeichnen. Aber, und das macht den Eurodance so sympathisch, er wollte nie mehr sein als er ist: Herrlich euphorische Naivität.

Anfang der 90er eroberte der Eurodance die Charts. Poppige House- und Techno-Beats garniert mit Powervocals und großen Gefühlen dominierten die Tanzflächen der Discos. Einerseits ist der Eurodance auf Massenkompatibilität getrimmte Musik, anderseits spiegelt sich in ihm auch ein Zeitgeist Europas wider. Nach dem Mauerfall und dem Ende des Kalten Kriegs herrschte tatsächlich so etwas wie heitere Euphorie und Europa gab sich die Hand. Dieses zumindest oberflächliche Gefühl der Einigkeit fand seinen musikalischen Ausdruck in dem klebrig-süßen Optimismus des Eurodance. Jetzt nach über 20 Jahren ist es vielleicht angebrachter denn je, diese Attitüde doch wiederzubeleben und in dem wohligen Gefühl von Snap, Dr. Alban und Co. zu schwelgen. Denn, machen wir uns nichts vor, wenn Scooter auf einmal spontan im Sisyphos auftritt, dann brennt auch dort die Stimmung. Ob Industrial Techno oder Deep House Connoisseur, ein wenig Eurodance zu richtigen Zeit am richtigen Ort hat noch immer gewirkt. In unseren Eurodance Essentials lassen wir mit euch diese Zeit mit sechs exemplarischen Tracks noch einmal aufleben.

Snap! - Rhythm is a Dancer

'Rhythm is a Dancer' wird häufig als der Startschuss für den Eurodance bezeichnet. Die Formel, die Snap! hier etabliert, wurde zum Standard: Diva-Vocals, jemand rappt und große Melodien. Hinter Snap! steckt das Produzenten-Duo Michael Münzig und Luca Anzelotti, das vor Rhythm is a Dancer mit dem eher am Hip-Hop orientierten 'I've got the Power' seinen größten Erfolg hatte. Davor waren sie unter anderem zusammen mit Sven Väth als OFF unterwegs.

Haddaway - What Is Love

'What Is Love' von Haddaway ist so ziemlich der Inbegriff von cheesy, vielleicht aber auch genau deswegen bis heute unvergessen. Wie so viele Tracks wurde auch dieser Eurodance Hit in Deutschland produziert und von dem in Trinidad und Tobago geborenen Alexander Nestor Haddaway gesungen. In den USA erlangte 'What Is Love' eine große Bekanntheit, da er in den Sketchen von Saturday Night Life gespielt wurde. Und später natürlich weil viele Jugendliche auf YouTube zu diesem Track ihre tollen Shuffle-Skills auspacken.

Culture Beat - Mr. Vain

Culture Beat wurde von Torsten Fenslau, der maßgeblich am Sound of Frankfurt beteiligt war, gegründet. 1989 veröffentlichte die Gruppe mit 'Erdbeermund' ihre erste Single. Danach richtete sich Culture Beat mehr nach der Formel des Eurodance und landete 1993 mit Mr. Vain einen weltweiten Hit. Fenslau, der die hr3 Clubnacht mitbegründete und den Techno und Trance mitprägte, starb noch im gleichen Jahr bei einem Autounfall.

2 Brothers on the 4th Floor - Dreams (Will Come Alive)

2 Brothers in the 4th Floor sind tatsächlich zwei Brüder - Bobby und Martin Boer gehörten die gesamten 90er durch zum musikalischen Repertoire der Niederlande. 'Dreams' erschien 1994 und ist richtig übler "Faust in die Luft"-Kitsch. Von Beginn an werden hier keine Gefangenen gemacht: Epische Pads, Powevocals und dann dieses Arpeggio. Come on dream on! Man kann es eigentlich nur lieben.

Dr. Alban - Sing Hallelujah

Alban Uzoma Nwapa ist in Nigeria aufgewachsen und wurde später in Stockholm Zahnarzt. Dazu kam dann noch eine Karriere als weltweit erfolgreicher Musiker. 1990 veröffentlichte er unter dem Pseudonym Dr. Alban sein Debütalbum und 1992 folgte mit 'It's My Life' sein erfolgreichster Hit. Das ein Jahr später erschienene 'Sing Hallelujah' ist allerdings noch besser. Die Powerhymne hat deutliche House-Einflüsse und klingt zumindest im Ansatz nach klassischen Marshall Jefferson Tracks. Mit 'No Coke' veröffentlichte Dr. Alban im Übrigen auch sehr stabilen Reggae-Dub. Die Coolness in Person.

Corona - The Rhythm of the Night

Hinter Corona steckt unter anderem der Produzent Francesco Bontempi aka Lee Marrow. Der Italiener veröffentlichte in den 80ern mit 'Shanghai' oder 'Mr. Fantasy' einige bekannte Italo-Disco-Tracks. 'The Rhythm of the Night' erschien im Dezember 1993 und erreicht in Italien direkt die Nummer 1 der Single-Charts. Das Projekt war nur von sehr kurzer Dauer. Mit 'Baby Baby' oder 'I Don't Wanna Be a Star' kamen zwar noch zwei weitere Hits dazu, nach 1995 stellte sich der Erfolg allerdings rasch wieder ein.

Essential Clothing - Can't Decide

Was hörst du so für Musik? Eine kleine aber essenzielle Frage, die oft als Gesprächsöffner dient und zumeist in langen Gesprächen endet. Denn die Liebe zur Musik ist Ausdruck unserer Persönlichkeit und verbindet uns mit anderen. Aline Piplies und Marvin Uhde nahmen diese Frage als Anlass und gründeten das Modelabel Can't Decide. Die beiden Designer aus Leipzig sind tief verwoben mit der elektronischen Musik und der dazugehörigen Subkultur und arbeiteten unter anderem mit Perel, dem Institut für Zukunft oder dem Nachtdigital Festival. Mit ihren handbestickten Pullovern, T-Shirts und Hoodies kann man die eigene Genrezugehörigkeit und Verbundenheit zur elektronischen Musik nach außen tragen. Techno, Gabber, Ambient oder direkt alles? Well, can't decide! Und deshalb gehört auch der Eurodance Sweater in unsere Essentials:

Spotify

Viele der Klassiker, die in unseren Essentials aufgeführt werden, lassen sich aufgrund ihres Alters oder Nischenstatus nur über YouTube finden, daher verwenden wir in unserer Auflistung überwiegend diese Plattform. Um aber auch mobil einen leichten Zugriff zu haben, tragen wir bei Spotify auffindbare Tracks in thematischen Playlists zusammen und ergänzen diese um weitere Beispiele aus dem jeweiligen Genre.

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Geschrieben von:
Simon Ackers

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