Review: 808 State – Transmission Suite [808 State]

Review: 808 State – Transmission Suite [808 State]

Features 26. Oktober 2019

Es lässt sich ja irgendwie immer alles als Comeback betiteln, wenn zwischen der letzten und aktuellen Veröffentlichung Jahre ins Land gegangen sind. Im Falle der Acid-Pioniere 808 State wäre die Lesart zum ersten Langspieler seit 'Outpost Transmission' von 2002 aber zu kurz gegriffen. Comebacks setzen oft den Anspruch voraus, an alte Erfolg anknüpfen oder sie gar übertreffen zu müssen. Nach 17 Jahren erscheint nun aber ein Album aus einer erwartungsbefreiten Schwebe, auf das praktisch niemand mehr gewartet hat. Mit 'Transmission Suite' setzt das auf nur noch zwei Mitglieder geschrumpfte Konglomerat aus Soundtüftlern einer alten Fernsehstation ein Denkmal. Und sich selbst.

Bis 2013 war Granada TV ein kleiner ehrwürdiger Sender im Herzen Manchesters. Unter anderem hatten die Beatles und Joy Division hier ihre ersten TV-Auftritte. Damals noch zu viert, traten 808 State 1989 einst selbst dort auf. Zuletzt wurden in den Räumen politische Fernsehdebatten aufgezeichnet. Mittlerweile liegt das Studio brach und ist die meiste Zeit ungenutzt. Einige Monitore und veraltetes Equipment sind noch verbaut und verharren geduldig im Standby-Modus. Für Graham Massey und Andy Barker schien diese geisterhafte Atmosphäre eine willkommene Gelegenheit, dort ihr eigenes Studio zu installieren. Fotografien aus der Vinylausgabe des Albums dokumentieren die Verwandlung lebloser Redaktionsräume zum regelrechten Museum für analoges Gear. Passender könnte ein Setup zur Aufarbeitung von Geschichte nicht aussehen.

In der Tat klingen die 15 Stücke genügend von Reminiszenzen durchtränkt, um aus der Zeit gefallen zu wirken. Vor allem Synthesizer-Heads kommen hier auf ihre Kosten. Kaum ist mit der Leadsingle 'Tokyo Tokyo' das Album gestartet, erinnern TB-303-Sounds daran, wie ansteckend Acid House ist. Schnell wird deutlich wie die Band einst ihren charakteristischen Sound fand: Durchmodulierte Synth-Lines werden von polyrhythmischen Stolperbeats unterlegt, Flächen überlagern Flächen noch und nöcher und kreieren ein oft diffus scheinendes Klangbild. Wer 808 State kennt, weiß aber, dass sich Experiment und Tanzbarkeit nicht ausschließen müssen, im Interview gibt Graham darüber tiefe Einsicht.

Nur selten scheint das Duo das Bedürfnis zu haben, den aktuellen Dancefloor-Konventionen zuarbeiten zu müssen. Beispielsweise wirkt das Stück 'Pulcenta' wie eine schief geratene Jamsession auf alten Kinderinstrumenten. Wiederkehrend sind mahnend piepende Signalton-Motive, die sich wohl als stilistische Interpretation der Studioumgebung verstehen lassen. Ignoriert man die Vorzeichen, könnte man den gealterten Herren stellenweise sogar Gehversuche in Juke und Footwork attestieren ('The Ludwig Question', '13 13').

Die eher treibenden Tracks unterliegen einer simplen aber effektiven Methode: Drückende Pads und kurze Vocal-Samples. Immer wieder fliegen einzelne Schnipsel durch den Raum, wirren manchmal beliebig umher und sitzen doch am richtigen Fleck. Das Stück 'Ujala', ein fast schon Tribal-House geartetes Instrumental, wird wiederholt von einem einfachen 'Fantastic!' eingeholt. Auf 'Angol Argol' wird ein knappes 'Ah!' so weit verformt, bis es aus allen Richtungen zu kommen scheint.

Trotz der oft wirren Rhythmen und hypnotischen Acid-Schleifen wirkt 'Transmission Suite' - benannt nach der Sendezentrale des Senders - insgesamt recht aufgeräumt und minimalistisch. Massey gibt an, bei den Arbeiten zum Album an eine Art Fantasiegebäude gedacht zu haben: Gerade Linien, tragende Formen und Symmetrie. Diese Vorstellung wird von Stück zu Stück attackiert. Manche Ideen des Albums ergeben wohl ausschließlich nur für Massey und Barker wirklich Sinn. Auffallend ist aber, wie selbstbewusst und unbeeindruckt die alten Hasen an dieses Projekt herangegangen sind. 808 State sind also wieder da. Selten klang Techno in diesem Jahr so retrofuturistisch.

'Transmission Suite' erschien am 11. Oktober via 808 State.

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Geschrieben von:
Tim Tschentscher

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