Richard D. James' kaum noch zu überblickende und sicherlich nicht zu übertreffende Diskografie füllt und füllt sich weiter. Der allmählich auf die goldene Fünfzig zu wandernde Veteran elektronischer Frickelmusik macht jedoch kaum Anstalten, ans Aufhören zu denken. Spätestens seit seinem sechsten Studioalbum 'SYRO' von 2014 ist der gebürtige Ire aus einer mehrjährigen Pause zurück. Seitdem erscheint fast alle zwölf Monate neuer Output. Klar ist, dass das kontemplative Päuschen auch darauf verwendet wurde, die neuen Medien und Mechanismen der Musikkultur besser zu verstehen.

 

Nicht umsonst scheint Aphex Twins Kunst auch 2018 noch weit davon entfernt, einen ausrangierten Eindruck zu hinterlassen. Sicher schart James nicht erst seit Kurzem ein ganzes Team von Visual-Artists, Social-Media-Beratern und Corporate-Identity-Designern um sich. Wundern tut es aber niemanden, dass das Video zu 'T69 collapse' nicht wie angekündigt Premiere bei dem US-amerikanischen Sender Cartoon Network feiern konnte. Der Grund: Das Video schaffte es nicht, einen standardisierten Bildtest gegen Photosensibilität zu bestehen.

Ob das kalkuliert war oder nicht, Antiwerbung ist bis heute hochaktuell geblieben und demonstriert den Status von Richard James bis zu einem Punkt, an dem die Art der Antihaltung zur Methode wird. In nicht wenigen Nuancen beweist er vor allem auch musikalisch, dass sein Stil von kreativer Selbstreferentialität durchaus Humor beweist. Zwischen flüssig gewordenem Datenmüll und chaotischem Trademark-Sound gehen Schock, Überforderung, Big-Data-Panik und handfeste Millenium-Nostalgie nahtlos ineinander über. Von außen betrachtet wirkt bereits das erste Stück, als generierten sich die wüsten Klänge aus sich selbst heraus zu endlosen Echoschleifen. Teilweise klingt das auch als hätte James alle Inspirationen von 'SYRO' in einen fünfminütigen Track gepresst. Es ist wohl auch die Erfahrung von James, die dazu beiträgt, ein solch krudes Klangbild wie 'T69 collapse' letztlich doch irgendwie harmonisch zu Ende bringen zu können.

Porträt des Künstlers.

Mit dem zweiten Stück '1st 44' zirkuliert ein stolpernder D'n'B-Beat um beruhigte Synth-Pads. Wann immer James konträre Elemente zu layern beginnt, erzeugt er multidimensionale Räume. Kilometerweit auseinander gemixt wirken die zwei klanglichen Hauptakteure wie Gegenspieler, die aber in die gleiche Richtung drängen. Man muss sich hier vor Augen führen, wie Aphex Twin auf fünf Tracks aus dem Vollen schöpft und sein übergreifendes Werk seit langem vorlegt. Trotzdem fällt der Bonustrack 'pthex' ein wenig aus der Linie, wohl auch deshalb ist dieser nicht auf der Vinyl- und Tape-Variante enthalten. Darin verarbeitet er aktuellen Trap-Hype und bis zur Unendlichkeit verzerrte Dancehall-Vocals, um nicht zuletzt eines der wohl überraschend clubtauglichsten Stücke der EP hervorzubringen. Das dürfte nicht jedem Hardcore-Fan von Aphex Twin gefallen.

Apropos Vocals: "Give me your hand my friend and I will lead you to the land of abundance, joy and happiness" ist so etwas wie das Mantra des vierten Stücks 'abundance10edit[2 R8's, FZ20m & a 909]'. Hier sind mindestens vier verschiedene Songs miteinander verwoben. Lässige Jungle-Elemente leiten in das Stück ein, verflüchtigen sich jedoch schnell wieder. James ist dabei fast näher am Ambient als IDM. Vor allem ab der zweiten Hälfte des Stücks löst sich die fast schon Footworksche Hektik in Wärme und Ruhe auf. Genau in diesen Momenten zeigt sich die sonst so hermetisch abgeriegelte Sound-Wand von Aphex Twin von einer eher zugänglichen Seite. Ähnliches forcierte James bereits auf der 'Cheetah EP' von 2016. Dennoch liefert 'Collapse' immer noch alles, was von einem Release mit dem entsprechenden Titel zu erwarten wäre: ein soundgewordener Trojaner, der ausschließlich zur Überlastung von Soundkarten programmiert wurde. Auch mit Ende 40 weiß er noch, wie sich Komfortzonen aufbauen und einreißen lassen.

'Collapse' erschien am 14. September bei Warp Records.

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