Review: Brigitte Barbu – Muzak Pour Ascenseurs En Panne [Circus Company]

Review: Brigitte Barbu – Muzak Pour Ascenseurs En Panne [Circus Company]

Features 30. Juni 2020

'Ceci n'est pas une pipe' - Was René Magritte einst so kunstvoll mit seiner Zeichnung einer Pfeife demonstrierte, kommt auch auf 'Muzak Pour Ascenseurs En Panne' zum Tragen. Julien Augers neues Album ist natürlich keine, frei übersetzt, Umgebungsmusik für stillgelegte Aufzüge. In all seiner Schiefheit ist es aber vielleicht eine Karikatur davon. Unter dem neugewonnenen Pseudonym Brigitte Barbu erarbeitet sich der Franzose Auger ein surrealistisches Sounddesign, das zwischen Ambient und Groove ein traummalerisches Bild aus Synthesizer-Flächen, Saiteninstrumenten und Entschleunigung im Wartungsmodus zeichnet.

Deep Cut: Was womöglich nicht ganz so weit zurückliegt, wie es sich anfühlt, sind die Erinnerungen an die klebrig-bunten Zweitausender Jahre, unterlegt von French-House-Klassikern wie 'Path Of Most Resistance' oder 'Deep Burnt'. Zu der Zeit war Julien Auger längst ein etablierter Name in der elektronischen Szene Frankreichs und trug vor allem auch international dazu bei, dass 'French' nicht nur eine Nationalitätszugehörigkeit, sondern vor allem auch eine Spielart in der Clubmusik anzeigt. Zuletzt erschien mit 'What A Mess!' nach 21 Jahren ein neues Auger-Album, was im Nachhinein betrachtet für das vorliegende schon auch ein wenig die Richtung vorgeben konnte.

Jetzt ist 'Muzak Pour Ascenseurs En Panne' erschienen und das Ganze klingt doch wesentlich experimenteller als die einstigen Bradock-Produktionen. Muzak, also ein historisches Verständnis für Umgebungsmusik, ist hier aber allenfalls ein trügerischer Werbe-Claim. Denn das, was Satie oder Eno einst salonfähig machten, hat mit Augers Album eigentlich nur wenig zu tun. Man sollte sich hier eher von der großen Gorillaskulptur und der etwas skurril anmutenden Szenerie eines verrückten Erfinders in Lederslippern verunsichern lassen. Was hier so 'ultraromantisch' durchscheint, ist in jedem Fall ein tiefes Verständnis für Sci-Fi-Ästhetiken.

Hörbar inspiriert erinnern die Stücke zeitweise an Ausläufer von Air und Daft Punk, manchmal aber auch an das elektronische Verständnis für Pop Art von Art Of Noise. Die Platte besteht aus elf Tracks, unterteilt in sechs Stücke und fünf Überleitungen ('Trou Vert I - V'). Gleich zu Beginn wird die kinematographische Darstellungsweise des Albums deutlich. Hörbuchartig steigt das Geschehen durch Geräuschkulissen aus Sturm, Funkstörungen und Hundeknurren ein. Dann entfaltet sich ein warmer Klangteppich aus freischwebend-kosmischen Synth-Layern, die irgendwann unter stromdurchflossenen Percussions ihre Ordnung finden.

Leicht blubbernd droppen in 'Beau Zoo' E-Gitarren-Riffs rein, während radarsucherähnliche Signalgeräusche das Bild einer verwaisten Funkstation ins Gedächtnis rufen. Das klingt immer auch ein wenig sumpfig und zähflüssig, wenn hier Track um Track ineinander überschwappen. Auger hat sich für die Arbeiten an dem Album eigene Spielregeln auferlegt. Erst wurden die Titelnamen festgelegt. Aufbauend auf dem Klang des jeweiligen Titels wurden Akkorde dann nach offener Stimmung gesucht, ein zufälliges Tempo ausgewählt und daran angepasst an Frequenzen solange Feintuning betrieben, bis das gewünschte Feeling eines Stücks erreicht wurde.

In 'Couvre Chef En Peau De Taupe' erinnert das Ergebnis dann an vor allem auch an 70er-Jahre Sci-Fi-Soundtracks, wenn beispielsweise fremde Planeten erkundet werden oder auf unbekannte Wesen gestoßen wird. Durch die weit verhallten Flächen und die dynamisch aufgeschlossenen Räume lässt Auger Dynamiken entstehen, die manchmal auch an Drone-Experimente erinnern. Irgendwo ist das aber auch wonky genug, um ein Flying-Lotus-Leftover sein zu können ('Ray Z').

Am Ende ist 'Muzak Pour Ascenseurs En Panne' eine elektro-akustische Reise durch Augers eigene kreative Vergangenheit. Wer auf der Suche nach 'Atom Funk' Trankilous 'Escalope De Dingue EP' aus dem Regal zieht und auf den letzten Track der B-Seite schaut, wird dort den Namen 'Brigitte Barbu' wiederfinden. Das ist jetzt zwar alles nicht mehr so 'Hip-Hop' wie damals, aber immer noch ziemlich weit draußen.

'Muzak Pour Ascenseurs En Panne' erschien am 12. Juni auf Circus Company.

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Geschrieben von:
Tim Tschentscher

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