Review: Caldera – One Last Glimpse [Noorden]

Review: Caldera – One Last Glimpse [Noorden]

Features.29. Januar 2022

Ist es nicht so: Manche Dinge benötigen einen dahintergesetzten Haken. Eine kleine Kategorisierung genügt schon, die gedankliche Einordnung in ein fiktives Ablagefach. Für Malte Schumann aka Caldera bedeutet es momentan an den aktuellen Stand seines Schaffens einen solchen Haken zu setzen. Seit geraumer Zeit schon arbeitet Schumann an freieren musikalischen Formen, probiert sich immer häufiger an verschiedenen Genre-Stilen abseits der immergleichen Clubnarrative aus. Sicherlich ist das irgendwo auch Symptom des Corona-Effekts. Das vorliegende Projekt knotet jetzt ein paar vermeintlich auseinanderdriftende Gedankenstränge zusammen.

Man muss als Rezensent:in ja nicht mit jedem x-ten Release in irgendeinen Veröffentlichungszyklus eine kreative Neuausrichtung reindoktoren. Für Schumann selbst ist 'One Last Glimpse' aber zumindest der gedankliche Abschluss einer Schaffensperiode. Mehrere Spielweisen von elektronischer Musik finden hier zusammen. Für Schumann wirkt das wie eine seelische Befreiung, die auf den ersten Blick ein wenig trüb wirkt. Nachvollziehbar grau schmückt Artwork-Designerin Lea Fry das Cover. Zu sehen sind schemenhafte Anrisse grüner Schattierungen. Der Rest geht in einen großen gräulichen Fleck über. Das sei auch gar nicht allzu galgenhumorig gemeint, denn mit Tristesse umzugehen zu lernen, ist für alle ein Thema geworden.

Irgendwo da setzt vermutlich die Platte von Caldera an. Schumanns Musik ist wie immer stets verspult, in jedem Fall introvertiert und stark mit sich selbst beschäftigt. Nach einigen Ausritten auf verschiedenen Outlets ist Schumann als Caldera wieder auf dem Kölner Label Noorden angekommen - dort, wo er zuletzt 2016 eine 12-Inch-EP und das Album 'Stuck In A Dream Of Being Awake' veröffentlicht hat. Der hörspielhafte Charakter des Vorgängers ist einer direkteren Atmosphäre gewichen. Schumann attackiert sofort mit Stimmungen. Geblieben ist das immersive Moment. Die Stücke ziehen in ihren Bann, weil sie eine gewisse Ruhe erzeugen, nicht zu überproduziert wirken und das Spiel verstehen, die Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten.

Der Track 'Impact 8' steigt zunächst recht verworren glitchy ein, überträgt sich in ambiente Flächen, um sich in 'Rvz' wieder in selbige Glitch-Knoten zu verstricken. Auf 'Ghost Management' lässt Schumann einen dubbigen Breakbeat anlaufen, der in 'Debris' vollkommen zerreißt. Das Fragmenthafte hat aber Methode, denn die fließende Dramaturgie des Albums ergibt sich nicht zufällig. Schumann spielt mit aktivierenden, beruhigenden, konstituierenden und dekonstruierenden Motiven, die sich abwechseln. Obwohl alles Kopf und Fuß hat, gibt es gar kein richtiges Ende oder einen Anfang. Auch die Titel scheinen eher willkürlich gewählt.

'HK' ist breakiger Dub-Techno, der im Fiebertraum 'Dembie's Dream' seinen Rhythmus verliert. Das eigentliche Herzstück der Platte, 'One Last Glimpse', ist dann ein genüßlich durchstrukturierter Neuneinhalbminüter, der sich gegenüber dem anfänglich Bruchstückhaften plötzlich sehr viel Zeit lässt. Irgendwo zwischen Ambient, Electronica und Techno pendelt sich das Ganze ein.

Einen treffenden Abschluss findet Caldera auf 'Moss': Knapp drei Minuten krachend-noisige Drones, die dann leider doch viel zu kurz das Gehör durchspülen. Das ist vor allem vor dem insgesamt recht verspielten Detailreichtum des Albums ein schön antizyklischer Wegwischeffekt und hätte hier gern noch deutlich brutaler ausfallen dürfen. Auf den ersten Blick ist 'One Last Glimpse' ein uninspirierter Fleck Musik, den man bei einem unaufmerksamen Anspielen auch problemlos überhören könnte. Geht man aber etwas in die Tiefe, eröffnet sich selbige durch ein Vielfaches.

'One Last Glimpse' ist am 21.01.2022 auf Noorden erschienen.

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Veröffentlicht in Features und getaggt mit Caldera, LP, Noorden, review

Geschrieben von:
Tim Tschentscher