Review: Cinthie – Skylines - City Lights [Aus Music]

Review: Cinthie – Skylines - City Lights [Aus Music]

Features 18. Juli 2020

Hochhäuser, Industriebaracken und die Lichter der Stadt: Seit ihren Anfängen erzählt elektronische Musik die Geschichte der Orte, an denen sie entstand. Vom maschinellen Takt der Fließbänder in den Autofabriken Detroits, von den widerhallenden Betonwänden der Warehouses in Chicago, vom metallenen Scheppern der Industriebaracken Berlins. Auf welche Skyline und die Lichter welcher Stadt sich Cinthie im Titel ihres Debütalbums bezieht, behält die Berlinerin für sich - ob sie beim Produzieren an die klassische Skyline Frankfurts dachte, wo sie die ersten Schritte als DJ ging, an die zerfaserte Skyline Berlins, wo sie in den Nullerjahren illegale Raves veranstaltete und später die Labelcrew Beste Modus mitgründete, oder an die Skyline so gut wie jeder anderen Großstadt der Welt, durch die sie als erfolgreiche DJ seit Jahren regelmäßig jettet, das weiß nur sie allein.

Klar ist: Cinthie möchte ihre HörerInnen auf eine musikalische Reise mitnehmen. Seit über 20 Jahren ist sie als DJ, Produzentin, Radio Host, Label- und Plattenladenbesitzerin unterwegs und hat einen beachtichen Releasekatalog auf Beste Modus, dessen diversen Sublabels wie 803 Crystal Grooves und We_r house sowie Will Sauls Aus Music zu verzeichnen. Auf Letzterem, dem Londoner Label, das sich mit Releases von Floorplan, Paul Woolford oder Move D einem eher experimentellen Zugang zu House verschrieben haben, erscheint nun auch Cinthies langformatiges Debüt.

Sphärisch eröffnet "Skylines" mit einer flirrenden Synthfläche, in die sich schnell ein zurückgelehnt groovender Housebeat mischt. Kein pathetisches Fade-In, keine gestische Effekthascherei - hier ist klar: Der Dancefloor steht im Vordergrund. Cinthie ist DJ durch und durch und baut auch ihr Album wie ein ausbalanciertes Set auf. Detroit wird zum soundmäßigen Ausgangspunkt, die nachdenklich melancholische Grundstimmung von "Skylines" erinnert an den melodischen Technotrack "At Les", in dem Carl Craig nach eigener Aussage eine surreale Szenerie verarbeitete, die er einst aus dem Fenster eines Detroiter Hochhauses beobachtete, in dem seine Freundin Leslie - "At Les" - lebte: Eines der Warehouses hinter dem Detroit River stand in dieser Nacht in Flammen, acht oder neun Etagen hoch habe das Feuer gebrannt, ein ebenso beängstigendes wie wunderschönes Bild.

Cinthies "Skylines" versetzt gedanklich eher auf die Berliner Oberbaumbrücke, wenn nach einer durchtanzten Nacht die Sonne aufgeht und man erschöpft aber glücklich noch einen letzten Blick auf die Spreeterrasse des Watergates wirft, das Cinthie seit 2014 als Resident mitgeprägt hat. Mit ihrem groove-verliebten No-Bullshit-House brachte sie damals eine neue Facette in den eher vom Minimalsound der Nullerjahre geprägten Kreuzberger Club ein, die sich auch durch Skylines - City Lights zieht.

Mit "Houze Muzik" folgt dann auch direkt die Blaupause von Cinthies Signature-Sound: Aufs Wesentliche destillierte House Beats jacken kraftvoll vor sich hin, Deep-House-Vocals à la Moodymann lassen unweigerlich mitwippen - Widerstand zwecklos. Mit dem soulig-verspielten "Concentrate" zieht Cinthie das Tempo nochmals an und die Gute-Laune-Regler nach oben in Richtung Peak-Time.


Wie im Club sind es doch vor allem die unerwarteten Wendungen, die dieses Album gone DJ-Set interessant machen. Und so verlässt Cinthie das vertraute Oldschool-House-Terrain und wagt mit "2k Garage" den Zeitsprung in die späten 2000er. Ein mutiger Move - haftet dem vom R'n'B geprägten, vocallastigen Garage House dieser Jahre doch auch immer ein leicht kommerzieller Beigeschmack an.

Cinthie kriegt jedoch die Kurve und schafft mit dem programmatischen "Horizon" einen smoothen Übergang zum nostalgischen Acid House. "Horizon" ist eine emotionale Zäsur; gefilterte Pianochords, pluckernde Acid-Bass und Streichersynths nehmen den Druck der vorangegangen Tracks heraus, ohne die Energie zu sehr herunterzufahren. Fast wünscht man sich eine durchgemixte Version des Albums, so stringent greifen die Tracks ineinander. Die abgehackte Hammondorgel in "Calling" reißt aus den zwischenzeitlich abschweifenden Gedanken und bringt mit viel Soul den Fokus zurück in die Füße.


"Flashback" ist einer der wenigen Tracks, die sich aus dem funktionalen Dancefloor-Muster herauswagen und Cinthies Begabung für feines Arrangement gekonnt in Szene setzen. Komplexe Drumpatterns geben dem Track einen breaky Vibe, der von den introspektiven Pianochords ausbalanciert wird. Das darauf folgende "Flashback" ist einer dieser Universaltracks, über die man unweigerlich im Kopf zehn weitere drübersingen möchte, weil sie einem so vertraut erscheinen.

Irgendwo im Hinterkopf singt Annie Lennox von der Stadt, die niemals schläft - und absurderweise startet "Citylights" im Anschluss dann auch noch mit einer ähnlich hastig herabstürzenden Streicherfigur, wie man sie aus "Here Comes The Rain Again" von Eurhythmics kennt. In bester Crowdpleaser-Manier hat Cinthie über verworrene Umwege schließlich den Weg zum Disco gefunden, winkt mal Richtung Eurodance, mal zum French House, ehe sie mit der stimmungsvollen Lo-Fi-House-Nummer "803 The Meme Queen" in der Jetzt-Zeit ankommt. Skylines - City Lights ist eine musikalische Geschichtsstunde und wird zum beruhigenden Zeugnis davon, dass Cinthie auch nach über 20 Jahren im Business die Liebe zum Dancefloor nicht verloren hat.

Edit: Die titelgebende Skyline kann doch auf eine Stadt bezogen werden, und zwar Chicago. Warum genau, das erfahrt ihr in unserem Porträt über Cinthie.

'Skylines - City Lights' erschien am 17. Juli auf Aus Music.

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Geschrieben von:
Laura Aha

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