Review: Fears – Oíche [Tulle]

Review: Fears – Oíche [Tulle]

Features 11. Mai 2021

Nicht selten unken Industrie, Medien und letztlich auch Hörer:innen selbst über zu wenig Diversität in elektronischer Musik. Wenn dann aber Angebote da sind, sind sie oft hart erkämpft. Grund genug für die Künstlerin Constance Keane sich ihre Plattform selbst zu schaffen. Gemeinsam mit Emily Kendrick hat sie das Label Tulle installiert, ein Kollektiv, das unterrepräsentierten weiblichen und non-binären Stimmen einen Raum geben soll. Den Einstand gibt Keane selbst. Als Fears veröffentlicht sie ihr Debütalbum 'Oíche', eine Platte, die gleich mehrere Funktionen erfüllt, aber hauptsächlich eins ist: eine Selbstumarmung.

In der Musikwirtschaft ist die gebürtige Irin keine Unbekannte. Für Young Turks, Erased Tapes, BMG und die BBC zog sie bislang im Hintergrund die Strippen. Nebenbei schrieb sie immer wieder an Songs, woraus aus den letzten fünf Jahren das Werk zu 'Oíche' (irisch: Nacht) entstanden ist. Eine für sie persönlich turbulente Zeit. Keane durchlief schwierige Beziehungen, sowohl mit anderen als auch mit sich selbst. Mit dem Album reflektiert sie den Prozess des Frauwerdens. Einige Songs sind am Laptop entstanden, manche während eines Klinikaufenthalts. Thematisch geht es um Traumabewältigung, toxische Beziehungen, Quarantäne im alten Kinderzimmer, dem Tod der Großmutter und was das alles in der Summe bedeutet.

Zehn knappe Stücke sind dabei zusammengekommen. Keane erinnert in ihrer Fragilität nicht selten an die Stimme von HVOB-Hälfte Anna Müller. Auch Songwriting und Betonungen ähneln sich deutlich. Diskrepanzen entstehen aber vor allem in der Struktur. Es gibt keine intensiven Rave-Drops à la Paul Wallner und auch keine Uptempo-Segmente wie zuletzt bei Kelly Lee Owens. Wohl hauptsächlich weil es dafür kaum einen Grund gibt. Den Opener 'h_always' hat Keane während eines Aufenthalts in einer Dubliner Klinik für Psychotherapie mit dem MacBook-internen Mikrofon eingesungen. Darin findet sie sich unter inneren wie äußeren Verletzungen in den Gängen des Instituts wieder.


Es fällt direkt die Unmittelbarkeit auf, mit der die Sängerin ins recht erdrückende Storytelling einsteigt. Im Stück 'Bones' reichen eine sanft dahinsäuselnde Gitarre und eine simple Kick-Snare-Programmierung, um der gläsernen Ästhetik zu genügen. Kurzes Meeresrauschen wäscht manchmal durch und bricht unvermittelt ab. Keane spricht hier die erste Zeit nach der Klinik an und die Unsicherheit, nach einer gescheiterten Beziehung völlig auf sich allein gestellt zu sein. Über 'daze' und 'Fabric' tragen sich die Narrative weiter. Oft ist von den Abwärtsspiralen toxischer Intimität die Rede und der damit einhergehenden Erschöpfung, nicht ausbrechen zu können.

Obwohl Keanes Erzählreihenfolge nicht chronologisch ist, wirkt es leicht, ihr zu folgen. Die Stücke sind wenig verschachtelt, nie zu verkopft. Ohnehin ist das keine allzu experimentelle Platte. Im Vordergrund stehen die Klarheit des Bedroom-Producings und die Chance, aus Minimalismus den Mehrwert zu ziehen. Das kleine Interlude 'Brighid' ist eine Aufnahme, in der Keanes demenzkranke Großmutter von ihrer Zeit als junges Mädchen erzählt. Es dient als Intro für 'tonnta', ein Stück über den inneren Konflikt, einen Menschen zu lieben, der sich nach und nach von sich selbst entfernt.

Mit 'two_' beschließt die kaum halbstündige Platte als Endlos-Loop, um wieder an 'h_always' anschließen zu können. Hier blickt Keane als Protagonistin ihres eigenen Lebens zurück auf das, was sie durchlebt und bis hierhin bereits verarbeitet hat. 'Oíche' wirkt vor allem deshalb so relatable, weil die Künstlerin keine Sonderrolle einnimmt. Hier werden innere Dialoge auf Augenhöhe nach außen getragen oder anders gesagt: das Persönliche hat etwas Universelles bekommen.

'Oíche' ist am 07.05.2021 auf Tulle erschienen.

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Geschrieben von:
Tim Tschentscher

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