ALL CAPS RAGE. Nach nur einem Jahr Verschnaufpause erscheint mit 'Havel' bereits das zweite Studioalbum des selbsternannten Spandauer Techno-Balletts. Dort, wo das Debüt über Modeselektors Label 'Monkeytown' noch wesentlich aufpolierter war, scheint mit dem Release über das gleichnamige eigene Imprint 'FJAAK' nun kein Filter mehr zwischengeschaltet zu sein. Jetzt klingt das Trio deutlich experimenteller, rauer und unbequemer, dabei aber höchst energetisch und aufgeheizt. Ganz dem Spirit der EP 'FJAAK 003' gleichkommend ist aber kaum ersichtlich, ob hier in einem geschlossenen Kontext versucht wurde, miteinander verknüpfte Stücke zu konzipieren oder ob unter einer Überschrift fertige Tracks aus der vergangenen Zeit zusammengestellt wurden.

Denn trotz der kaum 40-minütigen Spielzeit wirken die zehn Anspielstationen häufig willkürlich aneinandergereiht und nahezu ohne Bewusstsein, ob eine Reihenfolge irgendein erzählerisches Potential wecken könnte. Aaron, Felix und Kevin scheint das egal zu sein: Ihre Tracks sind roh und funktionell, nur manchmal lösen sie sich vom hypnotisierenden Four-To-The-Floor-Gebolze. Das ist einerseits irgendwie frisch (weil ignorant und selbstbestimmend), andererseits wirkt das fast konzeptlos und unbedacht. Kreative Freiheit kann halt auch manchmal ungewollt sein.

Mit den beiden Titeln 'TAKE YOUR LIFE' und 'I COULD NEVER LIVE WITHOUT YOU BY MY SIDE' haben die Berliner nicht gerade die stärksten Tracks des Albums als Videos ausgekoppelt. 'TAKE YOUR LIFE' wartet stroboskopisch flackernd mit einer Vocal-Performance von Koogan auf und orientiert sich damit hörbar stark an alte Prodigy-Aufnahmen. Das verrät gleichzeitig, wie auf dem Album mit 90er-Rave-Requisiten gespielt wird. 'I COULD NEVER [...]' hingegen zwängt sich weniger auf und säuselt subtil wie Thom Yorke es nicht besser könnte.

In 'ALL MY FRIENDS ARE IN THE BATHROOM' taucht UK-Stimme Koogan erneut auf, diesmal weniger laut aber um einiges metallener. Manisch aufgeladen gehts mit 130 BPM in die Einsamkeit überfüllter Dancefloors. Die kompromisslose Härte einiger Stücke macht Spaß, ergibt aber außerhalb einer Club-Konstellation kaum Sinn. Erst mit der zweiten Hälfte kehrt ein wenig Ruhe zurück. Das knappe Interlude 'ARCTIC WARMTH' holt für einen Moment aus dem treibenden Dauerfeuer ab. Auch 'NETTO' funktioniert ähnlich und experimentiert mit Breakbeat- und Trap-Elementen. Das sorgt für nötige Varianz.

Generell fließen in das Album viele Einflüsse von außen ein. Neben Fadi Mohem mischt auf dem Titel 'APOLLO TAG 2' auch Veteran Tobi Neumann mit. Ja, der Tobi Neumann, der ab Mitte der 90er die Love Parade miterlebt und geprägt hat. Kein Wunder also, warum Neumann an dieser Stelle auftaucht. Der Track fetischisiert Acid-Techno, als käme er aus einer Zeitmaschine. Auch das vorige Stück 'MARTIN' passt zu dieser Retrospektive, bei der Mohem-Kollege j.manuel mitwirkt.

Am zentralsten bleibt vielleicht auch, dass trotz der nur kurzen Spieldauer viel ausprobiert wird. Den Jungs um FJAAK scheint bewusst, dass sie sich ihren Namen erarbeitet und manifestiert haben, und dass das auch Raum für Neues lässt. Die Tracks des Albums knacken nur selten die 5-Minuten-Marke und schreien förmlich danach, geremixt werden zu wollen. Trotz oder gerade wegen dieser Verdichtung, die an anderer Stelle meist fehlt, bleiben hier mehr Fragen als Antworten. Woher dieser Albumkontext? Sind FJAAK live besser als im Studio? Und sind diese Songs überhaupt nur dazu da, live gespielt zu werden?

 

'Havel' erschien am 13. November auf FJAAK.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.