Review: The Golden Filter – Dislocation [4GN3S]

Review: The Golden Filter – Dislocation [4GN3S]

Features 19. Januar 2019

Böse Zungen verstummten, als das Totschlagargument, The Golden Filter wären mit 'Solid Gold' ein Lucky Punch gelungen, vergangenes Jahr ad acta gelegt werden musste. Zugegeben, oft genug wurde 'Talk Talk Talk' im Festival-Sommer 2018 gespielt. Âme und Dixon spielten den Track immer wieder prominent auf, während Kasper Bjørke & Colder, Cooper Saver und Fantastic Twins entsprechend für die 12-Inch ihre Remixarbeiten beisteuerten. Unter anderem Sascha Funke, Jennifer Cardini und Ben UFO zögerten ebenfalls nicht, den Track mit Approval zu segnen. Doch dass der Song in seiner viereinhalbminütigen Studioversion ursprünglich ein waschechter Blondie meets Anika meets Bauhaus-Hybrid ist und damit gar nicht in diesen Kontext passt, vergessen viele.

Das ist insofern wichtig, weil vor der tanzbaren Aufbereitung das Stück zwischen depressivem New Wave und ausgebremstem EBM-Pop changierend die Achtziger retroromantisiert und nur implizit mit elektronischer Dancefloor-Tauglichkeit zu tun hat. Aber umso schöner. Das zeigt immerhin auch, wie viel noch immer in House und Techno erlaubt ist. Als Teil der 'Dislocation EP' taucht der Track nun neben vier anderen auf. Dabei war das amerikanisch-australische Duo noch nie dafür bekannt, zu sehr in technoide Kreise abzurutschen und sich vollends darin verlieren zu können. Man stelle sich vor, Goldfrapp müssten die Panorama Bar bei Laune halten. Dafür ist das Sounddesign nicht zügig genug.

So handelt es sich bei der vorliegenden EP um ein fett ausproduziertes Synth-Pop-Projekt, das zeitweise Plastik-Ästhetiken zitiert aber niemals zu flach klingt. Produzent Stephen Hindman nutzt seine fast 35-jährige Erfahrung perfekt aus und bietet der gespenstisch-quälenden Stimme von Penelope Trappes ausreichend Spielfläche. Letztere veröffentlichte erst kürzlich mit 'Penelope Two' ihr zweites Solo-Album, ein Geflecht aus Ambient-Flächen und Vocal-Spuren. Das kommt auf der Zusammenarbeit mit Hindman allerdings weniger zum Tragen, nur das titelgebende Stück 'Dislocation' erinnert noch ein wenig daran. Auf dem kaum zweiminütigen Stück trägt Trappes in stoisch-robotischer Monotonie Schlagwörter vor, die wie Statusmeldungen aus einem Panikraum wirken.

Der Track 'All The Way In' ist ein nervös zitternder Electro-Pop-Song, auf dem Trappes mit ruhiger Stimme typisch düstere Geisterhaftigkeit erzeugt. Erst das Stück 'Cut My Hair' kann diese omnipräsente Grundstimmung der EP etwas aufheben. Zwar bleibt hier alles schwarz-weiß, doch nötigt der treibende Beat dazu, sich bei all der Endzeitlaune eine laszive Tanzszene aus einem Lars-von-Trier-Film vorzustellen. In den wenigen Momenten, in denen Minimal Techno mit simplen aber differenzierten Melodien fusioniert, sind Hindman und Trappes in Höchstform. 'Cut My Hair' ist dabei einer der stärksten Beiträge der EP.

Der letzte Song 'Temple' experimentiert mit subtilen Trap-Elementen, ohne aber fremdkörperartig abzuschweifen. Die über den 808-Beat fast schon geflüsterten Vocals zeigen, wie flexibel das Duo mit verschiedenen Stilen arbeiten kann und dabei stets eine eigene Linie beibehält. Nach über zehn Jahren Bandgeschichte könnten sich auch bei Golden Filter kreative Engpässe gebildet haben. Das Gegenteil ist aber hier der Fall. Mit der 'Dislocation EP' ist ein konzeptionell dichtes und düsteres Projekt gelungen, das gleichzeitig auf ein neues Album hinweisen könnte. Die atmosphärische Gesamtheit steht Trappes und Hindman dabei ausgesprochen gut. Weniger House, mehr Wave, bitte!

'Dislocation EP' erschien am 18. Januar auf 4GN3S.

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