Review: Khotin ‎- Finds You Well

Review: Khotin ‎- Finds You Well

Features 4. Oktober 2020

Dylan Khotin-Foote begann seine Karriere unter dem Namen Happy Trendy im Umfeld des Bedroom-Pop-Labels Orchid Tapes, schulte auf verrauschten Deep House um und landete so bei 1080p und bei Pacific Rhythm. Nachdem sein zweites Album 'New Tab' 2017 schon einen erneuten Kurswechsel in Richtung Downbeat, Ambient und IDM ankündigte, unterstrich das 'Beautiful You' im Folgejahr umso mehr. Und 'Finds You Well' klingt endgültig wie Boards Of Canada in der Luca-Guadagnino-Verfilmung. Vielleicht also ist Khotin nach zehn Jahren wieder am Anfang angekommen.

Die Zehnerjahre begannen mit Rauschen. Chillwave war die logische Konsequenz aus der 'Retromania', die der Musikjournalist im Jahr 2011 in seinem gleichnamigen Buch kritisierte: Alle schauten versessen in die Vergangenheit, an eine Zukunft jedoch war darüber hinaus nicht zu denken. Umso mehr natürlich der Tape-saturierte Pop von Washed Out bis Ricky Eat Acid, der klang, als hätte jemand im Nebenraum einen x-beliebigen Radiosender angeschmissen: Das Beste der Achtziger und Neunziger wurde zum verhallten Sound des Heute. In der House-Szene ereignete sich mit leichter Verzögerung Ähnliches. Dort entwickelte sich ein Sound, der als Lo-Fi-House klassifiziert wurde. Junge Produzent*innen nahmen simple House-Beats und bestrichen sie großzügig mit Patina. Und Dylan Khotin-Foote? Rutschte von der einen Szene in die andere.

Sein Debütalbum 'Hello World' im Jahr 2014 öffnete mit Rhodes-Klängen, angejazzten Rhythmen und flirrenden Acid-Sprengseln. Die Art von Musik also, zu der auf Discogs 'New For U' von Andrés empfohlen wird. Allein klang die Soundästhetik dezidiert ungeleckt - nicht wirklich lo-fi, definitiv aber auch nicht hi-fi. Selbst euphorischen Dance-Grooves wie auf dem zwei Jahre später veröffentlichten 'Baikal Acid' mischte er noch eine gehörige Portion Melancholie mit rein. Der Track wirkte indes wie ein kurzer Brief zum langen Abschied und tatsächlich liegt die letzte Dancefloor-orientierte Veröffentlichung Khotins heutzutage zwei Jahre zurück. Stattdessen gab es mit den LPs 'New Tab' und 'Beautiful You' blubbernden IDM, Choral-Ambient und Downbeat zu hören, nur gelegentlich schlichen sich scharfkantigere Electro-Rhythmen oder balearische Befindlichkeiten mit hinein. Die einzige Konstante: Rauschen.

Auch 'Finds You Well', das Debüt des Produzenten auf Ghostly International, klingt wie doppelt durch die Kopierer gezogen und hat sich für das Artwork eine entsprechende Bildlichkeit gewählt: Ein Stil aus einem VHS vielleicht, Familienurlaub im Grünen irgendwann anno dazumal. Schon 'Beautiful You' rief per Aufmachung ähnliche Tropen auf, wie sie am ehesten aus einem sich parallel zur Retromania entwickelnden Phänomen bekannt sind: Hauntology. Als deren Vordenker gilt das Brüderpaar Boards Of Canada, die für 'Finds You Well' mehr als nur die visuelle Blaupause liefern. Der jazzige Hip-Hop-Beat vom zweiten Stück 'Ivory Tower' könnte ohne Weiteres als BoC-B-Seite durchgehen, wenn da nicht die freundlichen, fast kindlichen Melodien wären, die Khotin über den Groove sprenkelt, als wären es Zuckerstreusel. So geht es weiter, über Midtempo-Breakbeats im Schluckaufmodus ('Heavyball') hin zu Entschleunigungs-IDM ('WEM Lagoon Jump') und schließlich fiepsigem Balearen-Ambient ('My Toan').

Die unheimlichen Untertöne, die Boards Of Canada in ihre Musik einbrachten, um so die Sehnsucht nach besseren Zeiten in all ihrer politischen Dringlichkeit hörbar zu machen, fehlen bei Khotin komplett. Nur über den gepitchen Electro-Funk 'Groove 32' ist ein abgehacktes und verfremdetes Sprach-Sample zu hören, das in Kombination mit launischen Synth-Pads endgültig das unterschwellige Unbehagen der 'In a Beautiful Place Out in the Country'-EP aufruft. Ein Thema scheint die Schotten von damals mit dem Kanadier von heute außerdem zu einen: Die Nostalgie für Tage der Unschuld - die Kindheit. Ein Kind schließlich kommt auch auf 'Finds You Well' zu Wort: 'The world is so wonderful, the world is so wonderful', trällert die Schwester des Produzenten und die Musik will das auf Biegen und Brechen bestätigen. Und obwohl das in Zeiten einer Pandemie und der durch sie nur schärfer hervortretenden Ungerechtigkeiten der besungenen Welt durchaus Hoffnung und Trost spenden könnte: Deplatziert wirkt es allemal.

'Finds You Well' versucht die Welt in schöneren, verwaschenen Pastellfarben zu malen, indem es sie mit viel Rauschen zum Schweigen bringt. Damit kommt Khotin selbst am Anfang seiner Karriere an, bei den naiven Bedroom-Produktionen, die unter dem Sammelbegriff Chillwave ziemlich viel Cocooning betrieben und über den ständigen Rückblick ins Gestern den Kontakt zum Heute und erst recht zum Morgen verloren. Schade ist das allemal, denn neben den zahlreichen anonymen Weltfluchtangeboten, wie sie dem Publikum im Streaming-Zeitalter mit Gewalt in die Ohren gespült werden, nimmt es sich auch nicht wirklich besonders aus. Denn wie denen fehlt dem Album eins: Charakter.

'Finds You Well' erschien am 25.09.2020.

Veröffentlicht in Features und getaggt mit Album , Finds You Well , Khotin , LP , review , Rezension

Geschrieben von:
Kristoffer Cornils

0 Kommentare zu "Review: Khotin ‎- Finds You Well"

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.