Review: nthng – Unfinished [Lobster Sleep Sequence]

Review: nthng – Unfinished [Lobster Sleep Sequence]

Features 19. Mai 2021

Ein bisschen hat man sich ja schon daran gewöhnt. So wie auf dem Debütalbum 'It Never Ends' wird Nthng vermutlich nie wieder klingen: Trockener, unterkühlter, harter Techno, minimalistisch und schnörkelfrei. Das ist auch völlig okay so, sonst würde man wohl über zu wenig Wandelbarkeit motzen. Jetzt ist LP Nummer drei über das Lobster-Theremin-Imprint 'Lobster Sleep Sequence' erschienen und ja, man ahnt es, der Niederländer hat sich noch weiter vom Techno-Kontext gelöst. Anders als der Titel 'Unfinished' suggerieret, ist die Transformation zur völligen Ambient-Künstlerei vollständig vollzogen worden.

Spätestens seit dem letzten Album 'Hypnotherapy' ist Nthngs Vorliebe für Pop-Zitate ja bekannt. Dort, wo dem Vorgänger plötzliche Verspieltheit und vielleicht auch etwas Schamlosigkeit hätte unterstellt werden können, hat sich das Phantom aus Amsterdam (wenn denn überhaupt) selber etwas eingenordet. 'Unfinished' ist kein ungemasterter Soon-to-Soundcloud-Ordner und hat auch sonst recht wenig mit Rohmaterial zu tun. Der gelegentliche Zitatewahn ist zwar geblieben, tatsächlich ist hier aber ein zeitgenössisch höchst aktueller Entwurf neuer Ambient-Kunst entstanden.

Das soll jetzt aber nicht zu clickbaity klingen. Nthng hat hier weder Projektformat noch Aufbau oder Klangverständnis völlig neu gedacht. Allerdings bringt er auf einer Spielzeit von über 90 Minuten seine Handschrift aus milchigen Texturen, Alles-kann-passieren-Opulenz und Fingerspitzengefühl so zusammen, dass sich ein Ambientalbum eben nicht wie eine Yogastunde, sondern wie ein Kinofilm anfühlt. Im gleichnamigen Opener 'Unfinished' taucht Nthng klanglich bereits völlig ab, man glaubt ein Wasser-Level eines 2D-Jump-N-Runs betreten zu haben. Dieses Gefühl des Ein- und Untertauchens trägt sich auf 'Subnautica' und 'Atlantis' weiter.

Die Schwerelosigkeit aus den ersten gut 20 Minuten wird durch 'Wrath Of The Demon' durchstoßen. Bedrohliches Dröhnen und Wummern baut sich auf, so als würden Kriegs-U-Boote ein Tauchmanöver fahren. Einen ersten unerwarteten Turn nimmt das Album auf den Positionen sieben und acht. In 'Disappeared But Not Forgotten' hat Nthng den Monolog von Nastassja Kinski aus dem Wim-Wenders-Drama 'Paris, Texas' ausgeschnitten. Die bis dahin durchaus gedrückte Stimmung bricht mit dem Skit ab. Dem Titel gleich weiß 'Energy Reloading' zu euphorisieren. Recht überraschend entwickelt sich inmitten der Ambient-Szenerie ein fixer Techno-Entwurf.

Für 'Saafe' verschiebt Nthng das King-Crimson-Intro zu 'The Power To Believe' auf einen Breakbeat. Die ursprünglich nur 45-sekündige Sequenz wird hier über knapp sieben Minuten gestreckt, mantraartig geloopt und rekontextualisiert. Da schwingt jetzt plötzlich nicht mehr die mitgedachte Brachialität von 'Level Five' mit, sondern so eine kontemplative Ruhe. Mit 'Ending Theme', ein schon fast trauerndes Piano-Stück, ist das gefühlte Ende des Albums eigentlich schon erreicht. Obendrauf gibt es aber noch drei Verlängerungen, unter anderem 'Breaking The Waves'. Durch die dröhnenden Synth-Flächen wirkt der Track ganz offensichtlich von Angelo Badalamenti und dem Score zu 'Twin Peaks' inspiriert.

In jedem Fall wird klar, das ist keine Platte für bloße Hintergrundbeschallung. Nthng manifestiert mit 'Unfinished' das musikalische Entdecken erneut für sich und hat dabei auch ein wenig den eigenen Anspruch erhöht. Anders und möglicherweise auch überlegter als auf 'Hypnotherapy'. Das ist vielleicht das Schönste an der Platte. Es geht hier um die Maximierung von Eintauchgefühlen, so mit Nase zuhalten und Augen zukneifen. Nur um dann zu bemerken, dass man das für musikalische Immersion gar nicht braucht.

'Unfinished' ist am 14.05.2021 auf Lobster Sleep Sequence erschienen.

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Veröffentlicht in Features und getaggt mit Album , Ambient , Lobster Sleep Sequence , Lobster Theremin , nthng , review , Rezension , Unfinished

Geschrieben von:
Tim Tschentscher

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