Review: Roman Flügel – Eating Darkness [Running Back]

Review: Roman Flügel – Eating Darkness [Running Back]

Features 9. Mai 2021

Keine Frage, die Bedeutung von Roman Flügel für die zeitgenössische deutsche DJ-Kunst muss nicht lange verhandelt werden. Seit den frühen 1990er Jahren formt und festigt der gebürtige Darmstädter seinen Fußabdruck in der House- und Techno-Szene. Als Co-Founder hat er mehrere Labels auf den Weg gebracht, mit Sister Midnight eine eigene Veranstaltungsreihe gehostet und unter Dutzenden Pseudonymen Alben veröffentlicht. Zurzeit bespielt er eine Residency beim britischen Radiosender Rinse FM, auch um in dieser Zeit nicht einzurosten. Mit 'Eating Darkness' fügt Flügel jetzt eine Platte seiner Diskographie hinzu, die aber genau danach klingt.

Gar kein Drama allerdings, wenn nach bald 30 aktiven Jahren der Output mal nicht so richtig hitten will. Ohnehin ist es geradezu ein Eiertanz, den aktuellen Zeitgeist in Projektspuren fassen zu wollen. Es sind dann eben diese gutgemeinten Scheiben wie 'Eating Darkness', die zumindest ein Angebot darstellen. 40 Minuten gedachter Eskapismus, an der Scheiße vorbei, als Konzept auf neun Tracks. Das ist natürlich nicht wirklich neu und zudem am Endprodukt leider auch nicht ganz konsequent durchdekliniert worden. Denn oft dümpeln die Stücke Referenzpunkt suchend im Nirgendwo und die Frage taucht häufiger auf: Wohin will das Ganze?

Denn so befreiend, wie es eigentlich soll, klingt das gar nicht. 'Magic Briefcase' startet als meditative Bestandsaufnahme völlig abseits der üblichen Uptempo-Disziplinen im Müßiggang. Zähflüssige Synthesizer-Schlieren ziehen sich durch den Weg in die Platte. Das ist noch zu langsam, um mit dem Kopf nicken zu können, aber auch zu rhythmusbetont, um Ambient zu sein. In 'Chemicals' trägt sich diese moody-gedrückte Stimmung weiter. Flügel hat nicht an Delay-Verzierungen gespart und reichert damit Dimensionalität an. Will man in diesem Eskapismus-Sprech bleiben, wirkt das alles zunächst sehr spacig und gedankenverloren.


Auf 'Wow' ist dann plötzlich einiges anders. Ein Shaker-Percussion-Setup dient als Grundgerüst für den am ehesten an Italo erinnernden Mitwipper. Man beachte hier trotz der Melodiebetonung das zaghafte Tempo. Gemessen am eigenen Maßstab muss für Italo-Referenzen aber gar nicht weit in die Rückschau gegangen werden. Erst im vergangenen Jahr simulierte Flügel mit der EP 'Garden Party' ein coronakonformes Frühlingsfest mit Schirm im Drink. Ein Jahr später ist von diesem Sentiment wenig über geblieben.

Am deutlichsten wird die Schere aus Soll und Sein auf 'The Best Is Yet To Come' sichtbar. Ein eigentlich recht optimistischer Titel, der aber wenig mit dem Stück gemein hat. Es scheint, als improvisiere Flügel kontemplativ-versunken über dem Synthesizer und vergäße dabei die eigene Leichtigkeit. Erst 'Cluttered Homes' schafft es mit kleinen Acid-Infusionen ein wenig, an das anzuknüpfen, was Flügel zuletzt mit 'Feel The Heat' auf der Running-Back-Comp 'Music For The NAACP' versuchte zu konservieren.

Ein überraschendes Ende hingegen setzt das Outro. Einem Wiegenlied gleich, weckt 'Charles' aus einem Album auf, das ohne Frage mit Know-how und Verstand entstanden ist. Was aber nicht transportiert wird, ist der Witz, der Spaß an der Sache, den Flügel-Releases üblicherweise so zugänglich machen. Um nicht das böse L-Wort zu benutzen, 'Eating Darkness' scheitert am eigenen Konzept, weil etwas die Inspiration fehlt. Fun Fact: Die griffigsten Stücke aus den Sessions zu dem Album sind bereits im März auf der 'Anima EP' erschienen.

'Eating Darkness' ist am 07.05.2021 auf Running Back erschienen.

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Geschrieben von:
Tim Tschentscher

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