Review: Ryūichi Sakamoto – 12 [Commmons]

Review: Ryūichi Sakamoto – 12 [Commmons]

Allgemein. 28. Januar 2023 | 4,8 / 5,0

Geschrieben von:
Simon Ackers

Da sitzt jemand am Klavier und vertont seinen eigenen Tod. Es gibt schönere Anlässe für das Musizieren, und doch ist das unweigerliche Ende seit jeher ein zentrales Motiv für die Kunst. Selten aber wird es so persönlich wie auf Ryūichi Sakamotos neuestem Album. In '12' tagebuchartigen Skizzen gibt uns der japanische Komponist einen Einblick in seinen Kampf gegen den Krebs. Ein schmerzhafter Gang durch die Musikgeschichte, die für Sakamoto mit diesem Werk enden könnte.

Seit vielen Jahren ist der Krebs ein ständiger Begleiter von Ryūichi Sakamoto. Besiegt er den einen, so kommt ein anderer und befällt seinen Körper. Daher ist es fast unmöglich, seine Musik getrennt von seinem persönlichen Schicksal zu hören. Schon auf seinem letzten Album 'async' vertonte der Japaner seinen inneren Kampf. Dort beginnt er mit dem traurig barocken 'andata', das den Ton für das gesamte Album vorgibt. Diesen finden wir jetzt auch auf '12' wieder, doch sechs Jahre später ist seine Musik noch bruchstückhafter, bedachter und schwermütiger. Das liegt natürlich auch an dem Konzept des Albums.

Zwölfmal gewährt uns der Japaner einen kleinen Einblick in sein akustisches Tagebuch und lässt uns erahnen, wie er sich an jenem Tag wohl gefühlt hat. Mal sitzt er, wie bei der wunderbaren Eröffnung '20210310', am Synthesizer, mal sitzt er am Klavier. Auf diesen Seiten seines Tagebuchs hören wir ihn schwer atmen. Der pfeifende Klang geht in die Mikrofone, wird durch den Reverb verstärkt und wird fast schon zum eigenständigen musikalischen Motiv.

Doch was bisher nach abgrundtiefer Traurigkeit klingt, wird, so wie man es von Sakamoto kennt, immer wieder aufgebrochen. Melancholie wechselt sich hier mit Betrübnis ab und lässt dazwischen kleine Funken von Schönheit und Hoffnung aufblitzen. In dem zentralen Stück zur Mitte des Albums gehen all diese Gefühlswelten Hand in Hand einher.

Am 7. Februar 2022 saß Ryūichi Sakamoto am Klavier und es scheint ihm zunächst ganz nach dem Tode zumute. In der linken Hand lässt er das Dies irae erklingen, das sich nahezu konstant durch das Lied bewegt. Der gregorianische Gesang ist seit dem 14. Jahrhundert in unserer Musik anzutreffen und fand seinen Ursprung als Teil der Totenmesse. Später nahmen Romantiker wie Berlioz und Rachmaninov das Motiv auf und spätestens seit der Filmmusik ist die fallende Melodie unweigerlich auf der ganzen Welt mit dem Tod verknüpft. In 'Little Buddha' nutzte Sakamoto dieses Motiv bereits, doch hier scheint es, als spiele er es für sich. Erbarmungslos kriechen die drei Töne vor sich hin, d - cis - h, setzen nur gelegentlich mal für ein paar Sekunden aus.

Man fragt sich kurz, ob jetzt das Herz endgültig zum Stehen gekommen ist, bevor die Töne wieder zu kriechen beginnen. Diese Wucht, mit der einem der Tod hier begegnet, ist nur schwer auszuhalten und würde vollständig in den Abgrund führen, wäre da nicht Sakamotos rechte Hand. Als emotionalen Kontrapunkt setzt er dem Dies irae in den höheren Oktaven luftige und schimmernde Akkorde entgegen. Vielleicht der leiseste und doch loderndste Kampf der Musikgeschichte.

Laut eigener Aussage möchte er so viel Musik machen, wie er kann, solange er kann. Das hat er von seinen beiden größten Vorbildern, Johann Sebastian Bach und Claude Debussy. Beide lässt Sakamoto das gesamte Album in seinem Klavierspiel zu Wort kommen, ganz besonders aber in der Sarabande. Der höfische Tanz wurde unter Bach, wie so vieles, in neue Sphären der Kunstfertigkeit erhoben und von Debussy in die Moderne geführt. Mit steigendem Alter formte Sakamoto aus dem reichhaltigen musikalischen Material seiner beiden Helden immer mehr seinen eigenen Stil, der sich jetzt auf '12' in seiner vermutlich ausgeprägtesten Form findet.

Die Zeiten von glitzerndem Synthie-Pop und Album-Covern mit quietschgelben Mänteln sind längst vorbei und es dominiert der Minimalismus. Immer mehr näherte sich der einstige YMO-Star einem Klangbild an, das sich der Langsamkeit annäherte. In seinen '12' Skizzen legt er in jeden Ton, jeden Akkord sein ganzes Gewicht. Er dehnt Pausen aus, atmet schwer und schlägt mit größtmöglicher Besonnenheit eine weitere Taste an. Denn jemand, der nur noch so wenig Zeit hat, kann keine einzige Note unbedacht verschwenden.

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