Review: Shed – Oderbruch [Ostgut Ton]

Review: Shed – Oderbruch [Ostgut Ton]

Features 9. Dezember 2019

Vielleicht gehört es zum Älterwerden dazu: Das Bewusstwerden von Zeit und ihrer Begrenztheit. Klar, die Zeiger der Uhren lassen sich anhalten und auch zurückdrehen. Trotzdem wird sie weiterlaufen, die Zeit. Bei der Rückschau auf seinen Zufluchtsort im Grenzgebiet zu Polen hatte René Pawlowitz eine Idee. Erinnerungen konservieren, indem er sie als Schnappschüsse auf einem Album verewigt. 'Oderbruch' ist das Porträt einer Landschaft aus Gedanken, subjektiv gefärbt und frei zugänglich. Zwischen historischer Bedeutung und persönlicher Aufzeichnung spielt Pawlowitz als Shed ein Album, das in seinen Vorzeichen schwerer wiegt, als es sich anfühlt. Heute gegen gestern, ein Kampf zwischen zwei Lesarten?

Pawlowitz' Familiengeschichte ist tief im Oderbruch verwurzelt. Historisch ist die Region durch Kriege und Katastrophen schwer gebeutelt. Mahnend erinnert die dortige Ruhe an sich selbst von vor fast 75 Jahren, als dort eine der letzten Frontlinien verlief. 1997 erlebte man eine Jahrhundertflut. Längst aber hat sich das Gebiet zwischen Berlin, Stettin und Frankfurt an der Oder erholt und entwickelt. Langsamer jedoch als andere Regionen. Vielleicht auch deshalb zieht es Pawlowitz als Berghain-Resident zwischen Auftritten aus Gründen der Stadtflucht dann und wann zurück in seine erste Heimat. Dort haben schrammelige Techno-Tunes aus Autoradios, das Cornern an Tankstellen und Fahrten entlang obstbaumgesäumter Landstraßen für musikalische Sozialisation gesorgt. 'Oderbruch' als Album ist mehr Abbild denn Glorifizierung.

Gleich zu Beginn aber wiegt der Kontrast zwischen der atmosphärischen Grundstimmung und den visuellen Schmückungen schwer. Cover und Tracktitel lassen auf mollartig-trauernde Drone-Suiten und Trauerbewältigung schließen. Titel wie 'Seelower Höhen', der Schauplatz einer der schlimmsten Ostfront-Kämpfe des zweiten Weltkriegs und 'Menschen Und Mauern' laden vordergründig historische Andachtsstimmung auf. Die Platte beginnt zudem mit dem Stück 'B1 (Anfang Und Ende)'. An ebenjener Bundesstraße fand man im Sommer 2017 ein Massengrab sowjetischer Soldaten. Trotzdem ist das Gegenteil der Fall. Schnell reaktiviert Pawlowitz die zügig energetischen Rave-Requisiten aus den Veröffentlichungen des kaum noch zu überblickenden Pools von Alter Egos.

Rein musikalisch kommt etwaige Melancholie deshalb nur selten zum Vorschein. Track Nummer Eins wirkt so eskapistisch wie nur irgend möglich. Symphonisch weite wie übersichtliche Ambient-Flächen pendeln zum Ausleben tänzerischer Freiheit ein. Nach genau einer Minute Aufwärmphase beginnt Sheds Set mit kompromissloser Genauigkeit, radarsucherförmigen Synthesizersignalen und nach einer weiteren Minute mit stolperhaften Percussions. Früh zeigt sich, es geht hier eben nicht um die anfänglich beschworene Schwere. Es geht um das persönliche Empfinden und das Freisein im Moment.

In 'Die Oder' dreschen trappige Hi-Hats auf zappelige Hardcore-Erwartungen, die jedoch nie erfüllt werden. Stattdessen gleiten filterige Plug-Ins immer wieder raus und rein und sorgen für panoramaartige Weitsicht. Ähnliche Instrumentierungen sind auf 'Sterbende Alleen' zu hören. Emotionalisierende Streicher wollen einen Fluchtpunkt in der Ferne heraufbeschwören. Pawlowitz hat die Snares aber so dynamisch gegenarrangiert, dass man eher UK Garage als lange Fußwege durch Birkenpromenaden im Sinn hat.

Am treffendsten kondensiert Pawlowitz die Idee des Albums mit dem Stück 'Nacht, Fluss, Grille, Auto, Frosch, Eule, Mücke'. Hier fügt er gemäß des Titels durch Field Recordings solche Einzelteile zusammen, die Oderbruch zu seiner Heimat machen. Erst in der zweiten Hälfte des Albums wird Pawlowitz kantiger, lässt kompromisslosen Panorama-Bar-Peak gegen historisches Grau antreten. Im Stück 'Seelower Höhen' merkt man besonders: Mit dieser Platte lassen sich weder Schuld noch Sühne bewältigen. Vielmehr geht es um das Ertragen solcher Verantwortungen und entsprechend das Weiterleben. Daran muss man stets denken. Diese Platte lädt sich viel historische Last auf, die sie selbst nur durch Hedonismus tragen kann. 'Oderbruch' vergisst nicht, was war, während es genießt, was ist.

'Oderbruch' erschien am 29. November auf Ostgut Ton.

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Geschrieben von:
Tim Tschentscher

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