Test: Behringer Neutron – Halbmodularer Analogsynthesizer

Test: Behringer Neutron – Halbmodularer Analogsynthesizer

Tests 4. August 2019

Innerhalb kürzester Zeit hat sich Behringer vom eher belächelten Niedrigpreis-Hersteller zu einer der Top Synthesizer-Marken entwickelt. Davon zeugt unter anderem der Erfolg des Model D, schließlich bekommt man hier amtlichen Minimoog Sound zum absoluten Kampfpreis. Weitere Nachbauten bekannter Klassiker wie Roland SH-101 und ARP Odyssey stehen bereits in den Startlöchern und werden mit Sicherheit ähnlich hohe Wellen schlagen. Dass die Firma von Uli Behringer aber auch vor eigenen Designs nicht zurückschreckt, beweist der Neutron, ein halbmodulares Analogsynth-Modul, das mit modernen Features und Eurorack-Konnektivität überzeugen will. Schauen wir uns mal an, ob die kleine rote Kiste hält, was sie verspricht.

Technische Daten und Anschlüsse

Wie auch der Model D befindet sich der Neutron in einem abgeschrägten Desktop-Gehäuse, dieses ist allerdings etwa fünf Zentimeter breiter und einen Hauch tiefer, um dem Steckfeld für die Patch-Verbindungen Platz zu bieten. Über Design lässt sich bekanntlich (nicht) streiten, die Bedienelemente sind aber sehr übersichtlich platziert und klar nach Einsatzbereich geordnet, wodurch man auch bei komplexeren Patches nicht den Überblick verliert. Neben dem Desktop-Betrieb lässt sich die Rückplatte des Neutron abschrauben und der Synth somit in einem Eurorack-Gehäuse einbauen, ein Ribbon-Kabel für die Stromzufuhr ist inklusive.

Das ist ebenfalls schon vom Model D bekannt, hier macht das Ganze durch die weitreichenderen Patch-Möglichkeiten allerdings noch mehr Sinn. Dadurch wird der Neutron quasi zur Einstiegsdroge für alle, die gerne in die Eurorack-Welt einsteigen möchten, aber vor dem hohen Anschaffungspreis für die ersten Module zurückschrecken, zumal die halbmodulare Bauweise auch ohne Verkabelung bereits Töne erzeugt. Im Lieferumfang befinden sich des Weiteren sechs Patch-Kabel, ein 12V-Netzteil sowie eine ausführliche Bedienungsanleitung.

Anschlussseitig wartet der Neutron mit einem Audioeingang für externe Signale sowie jeweils einem Line- und Kopfhörerausgang auf. Diese sind glücklicherweise allesamt im 6,3mm-Klinkenformat, das lästige Hantieren mit Adaptern und speziellen Kabeln entfällt. Ferner steht ein Miniklinken-Audioausgang als Teil der Patch-Bay zur Verfügung. MIDI gibt es in Form zweier DIN-Buchsen (In und Thru) sowie per USB, der zu empfangende Kanal wird unkompliziert über DIP-Switches auf der Rückseite gewählt. Die Einbindung in bestehende Set-ups gestaltet sich somit kinderleicht und lässt keine Wünsche offen, absolut vorbildlich.

Der Neutron Synthesizer von Behringer von hinten.

Oszillatoren

Der Neutron generiert seinen Klang mithilfe zweier spannungsgesteuerter Oszillatoren. Die verbauten Chips des Typs CEM3340 gelten als Klassiker, waren lange vergriffen und sind mittlerweile wieder als Nachbauten erhältlich. Für jeden Oszillator gibt es sechs verschiedene Wellenformen, von Sinus über Sägezahn bis hin zum Rechteck mit variabler Pulsweite sind alle üblichen Verdächtigen vorhanden und lassen sich sogar stufenlos überblenden, weißes Rauschen kann davon unabhängig ebenfalls hinzugemischt werden. Per Tastendruck wird aus drei verschiedenen Oktaven und einem Wide-Range-Modus gewählt, Letzterer eignet sich besonders für den Sync-Modus, der ebenfalls einen eigenen Knopf spendiert bekommen hat.

Obwohl der Neutron vorrangig monophon ist, steht bei Bedarf ein duophoner Modus zur Verfügung, was zweistimmiges Spiel ermöglicht. Dabei wird dem ersten Oszillator immer die tiefere gespielte Taste zugewiesen, dem zweiten die höhere. Die Bandbreite an möglichen Sounds ist beachtlich und deckt so ziemlich alles ab, was man sich von einem analogen Synthesizer vorstellen kann. Bässe, Leads und auch unorthodoxe Klänge sind kein Problem und klingen immer fett. Und das, bevor auch nur ein einziges Patchkabel verwendet wurde.

Filter

Zur Veränderung der Klangfarbe besitzt der Neutron ein resonantes Multimode-Filter mit den Modi Tief-, Band und Hochpass. Auch hier sind sowohl Klang als auch Benutzerfreundlichkeit erstklassig. Neben Drehreglern für die Modulations- sowie Hüllkurventiefe lässt sich auch Key-Tracking aktivieren, wodurch sich das Filter bei höheren Noten weiter öffnet. Die Resonanz reicht bis zur Selbstoszillation und sorgt für ordentlich Geschmatze und Gepfeife, trockene Bässe gehen also genauso leicht von der Hand wie kreischende Acid-Sounds. Allerdings ist Vorsicht geboten: Bei höheren Feedback-Werten geht das Filter teilweise so rabiat zu Werke, dass zarte Gemüter (und Lautsprecher) dem wohl auf Dauer nicht standhalten werden.

Envelopes und LFO

Damit der Sound nicht statisch und langweilig bleibt, bringen zwei ADSR-Hüllkurven sowie ein LFO Bewegung ins Spiel. Die beiden Envelopes sind standardmäßig jeweils für die Lautstärke und den Filterverlauf zuständig, lassen sich aber natürlich mittels Patch-Verbindung beliebig umverteilen, hier sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Die Hüllkurven sprechen schön schnell an, am anderen Ende könnte allerdings etwas mehr drin sein. Für die meisten Anwendungen sollte das kein Problem darstellen, aber so richtig lange Verläufe, wie sie zum Beispiel im Ambient-Bereich gerne verwendet werden, sind leider nicht möglich. Dafür kommen Plucky Sounds unglaublich knackig rüber.

Hierzu ein kleiner Tipp: Bei komplett runter geregeltem Attack kann je nach erstelltem Sound ein kurzes Knacken beim Aktivieren der Amp-Hüllkurve zu hören sein. Hierbei handelt es sich nicht um einen Verarbeitungsfehler, sondern um eine natürliche Nebenwirkung der schnellen Envelopes. Für die bereits angesprochenen Plucks und andere perkussive Klänge ist das zwecks Transienten sogar dienlich, ansonsten lässt sich das Phänomen durch minimales Verlängern der Attack-Zeit leicht aus der Welt schaffen. Des Weiteren lässt sich der VCA mithilfe eines Bias-Reglers permanent öffnen, die zuletzt angespielte Note klingt also endlos weiter. Perfekt zum Beispiel für Drones, somit hat man beide Hände frei und kann sich ganz aufs Herumschrauben konzentrieren.

Der Neutron Synthesizer von Behringer von oben.

Der LFO besitzt die Wellenformen Sinus, Dreieck, Rechteck sowie aufsteigenden und abfallenden Sägezahn (eine Random-Funktion findet sich an anderer Stelle, dazu später mehr). Diese lassen sich, wie auch schon bei den Klang gebenden Oszillatoren, stufenlos einstellen. Die daraus resultierenden Mittelstellungen sind ein interessantes Feature, von dem sich andere Hersteller eine Scheibe abschneiden können.

Auch was die Geschwindigkeit angeht, zeigt sich der Neutron großzügig: Der dafür zuständige Regler besitzt einen fast schon absurd großen Frequenzbereich, von quälend langsam bis weit in den Audiobereich hinein. Leider geht diese Vielseitigkeit etwas auf Kosten der Handhabung, das präzise Einstellen eines gewünschten Tempos gestaltet sich in Verbindung mit dem kleinen Potiknopf eher schwierig. Dafür ist die Möglichkeit der Frequenzmodulation im Audiobereich (mit frei wählbaren Modulationszielen, dank Patch-Bay) ein Genuss, der schon fast darüber hinwegtrösten kann.

Delay und Overdrive

Als besonderes Schmankerl hat das Team von Behringer dem Neutron ein Analog-Delay sowie einen Overdrive mit auf die Platine gepackt. Eine sinnvolle Ergänzung, schließlich werden die meisten Synthesizer-Klänge eh noch mit Effekten verfeinert. So spart man sich schon mal zwei externe Geräte oder Plug-ins. Das Delay besitzt analog-typisch einen etwas dunkleren Klang und eignet sich daher weniger für glasklare Wiederholungen, ist aber genau das Richtige, um dem Klang etwas Tiefe und Raum zu verleihen. Bei aufgedrehtem Feedback entstehen darüber hinaus die herrlich verzerrten Raumschiff-Sounds, wie sie zum Beispiel im Dub-Bereich immer wieder vorkommen. Die Delay-Zeit lässt sich per Regler einstellen, besitzt darüber hinaus aber auch einen eigenen Eingang auf dem Steckfeld, welcher sich zum Beispiel hervorragend mit dem Ausgang des LFOs versteht.

Je nach Einstellung lassen sich so eiernde Tape-Delays oder sogar ein Chorus realisieren. Und das ist erst der Anfang, mit etwas Kreativität und Experimentierfreude sind dem rhythmischen Wahnsinn keine Grenzen gesetzt. Ärgerlich hingegen ist die Tatsache, dass das Effektsignal auch bei komplett zugedrehtem Mix-Regler noch ganz leicht zu hören ist. Bei der kürzesten Verzögerung ist das zwar nicht mehr wahrnehmbar, sollte aber trotzdem nicht sein. Außerdem rauscht das Delay etwas, was jedoch an der analogen Bauweise liegt und sich nicht vermeiden lässt.

Wenn der Sound mal etwas zu brav sein sollte, kann man mit der eingebauten Verzerrung nachhelfen. Dabei reicht das Spektrum von leichtem Schmutz bis zur klanglichen Dampfwalze, außerdem lassen sich per Tone-Regler die Höhen dämpfen oder hervorheben. Leider lässt sich der Overdrive nicht per Knopfdruck aus dem Signalweg nehmen. Bei herunter geregeltem Drive ist zwar keine Verzerrung mehr vorhanden, der Equalizer wirkt sich aber trotzdem auf den Sound aus. Möchte man jegliche Klangverbiegung vermeiden, hilft nur aufwendiges Patchen. In der Praxis ist das halb so wild, schließlich kommt man auch so zum gewünschten Sound, es wirkt aber dennoch etwas unausgereift.

Sample & Hold, Slew Rate Limiter und Attenuator

Wie bereits erwähnt besitzt der LFO des Neutron keine Random-Wellenform. Dafür hat der Synth ein dediziertes Sample & Hold-Modul an Board. Im Modularbereich ist das ganz normal, denn je nach verwendetem Trigger kann der Effekt ganz unterschiedliche Funktionen erfüllen. Als Standardeinstellung dient eine Noise-Quelle als Trigger, das kennt man von herkömmlichen Synthesizern und eignet sich für Roboter-Sounds und blubbernde Filter. Es lohnt sich aber auch, mal den LFO einzustöpseln und die verschiedenen Wellenformen auszuprobieren. Zugegeben, die so entstehenden Sounds driften schnell ins Extreme und Unvorhersehbare ab, für generative Patches und komplexe Klangteppiche ist das aber eine wahre Fundgrube.

Der Neutron Synthesizer von Behringer in der Schrägansicht.

Ein weiteres Feature, das man so eher bei Modularsynthesizern findet, ist der Slew Rate Limiter. Die fest vorverdrahtete Version kennt man als Portamento von anderen Instrumenten, und als solcher ist er auch einwandfrei nutzbar, hier lassen sich jedoch zusätzlich alle möglichen CV-Signale nach dem gleichen Prinzip verarbeiten. Das heißt, Sprünge zwischen Werten bekommen einen weicheren Übergang. Zu guter Letzt finden sich noch zwei Drehregler, die die Attenuators kontrollieren. Ein Attenuator schwächt eingehende Kontrollspannungen ab, sodass zum Beispiel Frequenzmodulationen der Tonhöhe in ihrer Intensität kontrolliert werden können.

Fazit

Immer wieder werden Stimmen laut, dass es Behringer an eigenen Ideen mangelt, der Neutron beweist allerdings das Gegenteil. Das Entwicklerteam scheint mehr als fähig zu sein, eigenständige Designs zu erarbeiten, schüttelt mal eben einen absoluten Knaller von Synthesizer aus dem Ärmel und bietet das Ganze auch noch zu einem Preis an, der schon fast zum Spontankauf einlädt. Die Verarbeitung ist tadellos, die Fülle an Features enorm und der Sound schön fett und analog. Zugegeben, man muss etwas Geduld und eine ruhige Hand mitbringen, um bei den teilweise sehr großen Regelwegen präzise Einstellungen vornehmen zu können. Dafür kann der Behringer aber auch mehr als jeder "Sweetspot" Synthesizer, wo jede Einstellung musikalisch klingt, die klangliche Palette aber schnell ausgeschöpft ist. Ansonsten sind die einzigen wirklichen Kritikpunkte ein leichtes Rauschen bei bestimmten Einstellungen (was aber für analoge Synths nicht ungewöhnlich ist) und das Delay-Signal, das auch bei ausgeschaltetem Effekt noch leise zu hören ist. Kann man darüber hinwegsehen, stellt der Neutron einen der potentesten Synthesizer der letzten Jahre dar, an dem Tüftler auch nach unzähligen Klangreisen noch ihre helle Freude haben werden.

 

Pro

Guter Sound
Sehr vielseitig
Umfangreiche Patch-Bay

Kontra

Je nach Einstellung leichtes Rauschen
Effekte lassen sich nicht ohne Weiteres aus dem Signalpfad nehmen

 

Preis: 299 EUR
Weitere Informationen gibt es auf der Website von Behringer.

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