Test: Bitwig Studio 3 / Digital Audio Workstation

Test: Bitwig Studio 3 / Digital Audio Workstation

Tests 25. Januar 2020

In der Welt der Musikproduktion sind DAWs schon längst über ihre Aufgabe als bloße Recording-Tools hinausgewachsen. Mit kraftvollen Klangerzeugern und großen Sample-Libraries an Bord sehen sich Programme wie Ableton Live eher als kreative Performance-Werkzeuge, mit denen sich vor allem im elektronischen Bereich auch ohne jegliches Outboard-Equipment komplette Alben realisieren lassen. Aus dem heimischen Berlin stellt die Firma Bitwig nun die mittlerweile dritte Inkarnation ihrer Studio-Software vor und verspricht mit einer modularen Herangehensweise und Performance-orientiertem Workflow eine Alternative, besonders für Klangtüftler und Livemusiker. Doch reicht das aus, um sich gegen die etablierten Konkurrenten zu behaupten?

Bedienoberfläche

Betrachten wir zunächst einmal die grafische Umsetzung der DAW. Gerade im Softwarebereich sind leicht zugängliche Bedienoberflächen unverzichtbar für einen effektiven Workflow, da komplizierte Untermenüs und unüberschaubare Strukturen echte Kreativitätskiller sind und schnell für Frust sorgen. Bitwig kommt glücklicherweise mit einer äußerst benutzerfreundlichen Oberfläche daher, die gut zum Performance-orientierten Charakter passt. Man hat sich dabei offensichtlich zumindest teilweise von Ableton inspirieren lassen, zum Beispiel bei der charakteristischen Clip View.

Allerdings gibt es auch einige Unterschiede, wodurch sich die Arbeitsweise von anderen DAWs abhebt. Die Navigation erfolgt über verschiedene Panels, die am unteren Bildschirmrand ausgewählt werden. Hier lässt sich zum Beispiel zwischen einem herkömmlichen Arrangement-Fenster und der Mixersektion wechseln, die auch die angesprochene Clip View beinhaltet. Direkt daneben werden die spurspezifischen Panels ausgewählt, die sich, ähnlich wie bei Ableton, im unteren Drittel des Bildschirms befinden.

Neben der Piano Roll und einer Übersicht der einzelnen Plugins fällt vor allem die Automationsansicht positiv auf. So liegen quasi alle wichtigen Parameter nah beieinander und lassen sich schnell und unkompliziert verändern. Allgemeine Informationen zu den einzelnen Spuren mit Einstellmöglichkeiten wie der Farbgebung und Ein- sowie Ausgängen befinden sich als kleiner Channel Strip am linken Bildschirmrand. Auf der gegenüberliegenden Seite hat man die Wahl zwischen dem Browser mit allen internen und externen Klangelementen, allgemeinen Projektinformationen und den globalen Ein- und Ausgangssettings. Auch die MIDI-Mappings werden hier kontrolliert. 

In der Praxis findet man sich dank dieser sinnigen Panel-Aufteilung sehr schnell zurecht, zumal einzelne Fenster zwecks Übersichtlichkeit einfach geschlossen werden können. Generell bieten sich eine Menge Einstellmöglichkeiten, um das Interface den persönlichen Bedürfnissen anzupassen, was sich vor allem in der Mixersektion zeigt. Hier können die einzelnen Bestandteile wie Clip Launcher, Effekt Sends oder eine genauere Metering-Anzeige je nach Wunsch und Situation mit wenigen Klicks aktiviert oder verborgen werden.

Natürlich ist die Nutzerfreundlichkeit gerade bei digitalen Interfaces immer eine sehr subjektive Geschichte. So wird sich vermutlich nicht jeder auf Anhieb mit dem Bitwig Workflow zurechtfinden. Und besonders im Bereich des reinen Abmischens gibt es sicherlich viele, die sich in einer traditionelleren DAW wohler fühlen. Allerdings ist dies auch nicht das Spezialgebiet der Software. Dafür scheint das Layout wie gemacht für kreatives Arbeiten, schnelle Ideenfindung und Sounddesign. 

Bitwig Studio 3 im Test.
Der Polysynth ist nur eines der umfangreichen Tools aus Bitwig Studio 3.

Sounds und Devices

Wie es sich für eine moderne DAW gehört, kommt Bitwig mit einer Vielzahl an Instrumenten, Effekten und Samples, wobei besonders die umfangreiche Sound Library mit aktuell über 10 GB (das Angebot wird ständig erweitert) zu überzeugen weiß. Damit man nicht direkt von der Fülle an Klängen erschlagen wird, lassen sich die einzelnen Pakete den eigenen Wünschen entsprechend Stück für Stück herunterladen. Das Angebot reicht hierbei von gesampelten Instrumenten wie Pianos oder Drums, über Analogsynth-Wellenformen bis hin zu Loops, Breaks und speziellen Artist Collections, die jeweils von einer Künstlerin oder einem Künstler zusammengestellt wurden. 

Alle internen Klangerzeuger, Effekte und sonstigen Tools heißen bei Bitwig Devices und beinhalten unter anderem die üblichen Verdächtigen wie verschiedene Synth Engines, Reverb-, Delay- und Verzerrungseffekte, eine Amp-Simulation sowie diverse MIDI-Effekte. Bei den Synths sticht der Phase-4 besonders hervor, der seine Sounds durch eine spezielle Art der Phasenmodulation erzeugt. Das Ergebnis erinnert an FM-Synthese, besitzt aber dennoch einen ganz eigenen Klang und ist sonst eher selten anzutreffen. 

Ein weiteres Highlight sind die Modulationsmöglichkeiten. Jedes Device besitzt mehrere Slots, in denen über 30 Modulatoren - darunter LFOs, Envelopes, Sequenzer und Zufallsgeneratoren - auf beliebige Parameter einwirken können. Dies gilt nicht nur für die internen Instrumente und Effekte, sondern auch für externe VSTs. Und als ob das nicht schon genug wäre, lassen sich auch externe MIDI- sowie CV-Signale als Modulationsquelle nutzen, sofern ein entsprechendes Interface vorhanden ist. Die Möglichkeiten der Klangveränderung sind damit schon fast grenzenlos und werden in dieser Form von keiner anderen DAW erreicht. Zwar bietet zum Beispiel die Einbindung von Max in Ableton Live ein ähnlich modulares Umfeld, das Ganze geht bei Bitwig aber noch etwas intuitiver und spielerischer von der Hand. 

Bitwig Studio 3 im Test.
Modulation in Bitwig Studio 3.

The Grid

Das wahrscheinlich wichtigste Feature und größtes Alleinstellungsmerkmal von Bitwig Studio 3 findet sich unter dem Namen "The Grid". Hierbei handelt es sich um ein komplettes Software-Modularsystem, das über 150 Module in 16 verschiedenen Kategorien umfasst und sowohl für Klangsynthese als auch Audioeffekte genutzt werden kann. Die Anwenderfreundlichkeit steht dabei besonders für Anfänger im Vordergrund. Während alternative Programme wie VCV Rack bereits Vorkenntnisse im Modularbereich voraussetzen, um überhaupt einen Ton zu produzieren, kommt die Grid mit einigen nützlichen Hilfestellungen daher, die den Einstieg erleichtern. 

Je nachdem, ob ein Synthesizer oder ein Audioeffekt erstellt werden soll, hat man die Wahl zwischen den Devices Poly Grid und FX Grid. Im Grunde handelt es sich hierbei um das gleiche System mit den gleichen Modulen, die Voreinstellungen sind aber je nach Anwendungszweck angepasst. So findet sich beim Öffnen der Poly Grid bereits eine bestehende Synth-Stimme mit einem Dreiecksoszillator. Diese lässt sich nun nach Belieben durch diverse Bausteine ergänzen und erweitern, wobei der Fantasie wirklich kaum Grenzen gesetzt sind.

Während Neulinge sich erst einmal an den grundlegenden Dingen wie Oszillatoren, Filter, Envelopes und LFOs versuchen werden, um in die Materie einzusteigen und sich Stück für Stück ihren persönlichen Lieblings-Synth zusammenzubasteln, kommen Modular-Freaks bei komplizierten Logic und Maths Modulen voll auf ihre Kosten. Daraus entstehen dann zum Beispiel Patches, die sich bis zur Unkenntlichkeit selbst modulieren oder auch intelligente Sequenzer, die immer passende Noten in sich ständig wechselnden Patterns spielen.

Aber auch herkömmliche Klänge lassen sich schnell und unkompliziert realisieren, zumal ähnliche Bausteine kinderleicht per Rechtsklick untereinander getauscht werden können, ohne dass direkt neu verkabelt werden muss. Somit ist das System immer nur so komplex, wie der Nutzer es haben möchte. Zu jedem Modul gibt es ein kleines Infofenster, in dem alle Funktionen erklärt werden. Das macht vor allem bei den etwas komplizierteren logischen und mathematischen Komponenten Sinn, bei denen sich die Funktion oft nicht ohne Weiteres erschließen lässt. 

Das virtuelle Strippenziehen selbst geht ebenfalls sehr leicht von der Hand. Die Eingänge jedes Moduls befinden sich logischerweise auf der linken, die Ausgänge auf der rechten Seite. Die verschiedenen Signaltypen werden mit unterschiedlichen Farben und Symbolen gekennzeichnet. Das macht es um einiges übersichtlicher als bei Hardware-Geräten, bei denen oft kein einheitliches System verwendet wird. Darüber hinaus lassen sich nur Verbindungen herstellen, die auch wirklich Sinn ergeben. Bei Outboard Gear kann ein falsch gestecktes Kabel auch gerne mal zu Schäden am Gerät oder ungewollten Feedback-Orgien führen, hier wird dies zum Glück durch die Software verhindert. Apropos Outboard Gear: Dieses lässt sich mithilfe von speziellen Modulen ebenfalls ohne Probleme in die Grid integrieren. So kann das heimische Equipment per MIDI oder CV mit den Software-Kreationen kommunizieren und modulieren, was das Zeug hält. 

Bitwig Studio 3 im Test.
Die Poly Grid in Bitwig Studio 3.

Sollen vorhandene Klangerzeuger oder Audiospuren mit komplexen Effekten versehen werden, kommt wiederum die FX Grid zum Einsatz. Standardmäßig beginnt jeder Patch mit einem Audioeingang sowie -ausgang, dazwischen kann nach Lust und Laune mit jeglichen Modulen experimentiert werden. Dabei liegt der Fokus hauptsächlich auf zeitbasierten Effekten wie Delay, Flanger oder Chorus sowie auf verschiedenen Arten von Verzerrung.

Die wahre Stärke der FX Grid zeigt sich allerdings in den komplexen Modulationsmöglichkeiten. Als einfachste Übung lassen sich zum Beispiel Tape-ähnliche Delays realisieren, deren charakteristisches Eiern für einen breiten Sound sorgt. Natürlich kann das Signal auch beliebig aufgesplittet und mit mehreren parallelen Effektwegen versehen werden. So wird aus einem beliebigen 08/15-Sound unter Zuhilfenahme von diversen Filtern, Waveshapern und Verzögerungsmodulen schnell mal eine komplette "Wall of Sound", die sich mittels LFOs und anderen Modulationsquellen ständig verändert.

Zwar könnte die Palette an angebotenen Effekten noch etwas erweitert werden, zumal externe Plugins leider nicht in die Grid eingebunden werden können, jedoch schlummert unter den vorhandenen Bausteinen bereits ein beachtliches Klangpotenzial, das unter anderen DAWs seinesgleichen sucht und zu stundenlangem Experimentieren einlädt.

Fazit

Bitwig Studio 3 braucht sich definitiv nicht hinter dem Klassiker Ableton Live zu verstecken, wenn es um kreatives Arbeiten und Sounddesign geht. Das benutzerfreundliche und intuitive Layout unterstützt einen geschmeidigen Workflow und besonders der modulare Ansatz birgt ungeahnte Möglichkeiten. Dabei bekommt man nie das Gefühl, von den Möglichkeiten erschlagen zu werden, und kann sich Schritt für Schritt ins Thema einarbeiten. Die vorbildliche Konnektivität zu Hardware-Geräten wird vor allem die stetig wachsende Eurorack-Gemeinde erfreuen und durch die Unterstützung von Ableton Link lässt sich die DAW ohne Probleme in so ziemlich jedes bestehende Set-up integrieren. An dieser Stelle sei auch der hervorragende Support der aktiven Community erwähnt, die mit zahlreichen Videos Hilfestellungen und Inspiration bietet. Zwar könnten einige Geschmäcker das Layout einer klassischen DAW wie Pro Tools oder Cubase bevorzugen, wenn es um reines Sound Editing und Mixing im Studiobereich geht, Klangtüftler und Live-Performer elektronischer Musik finden in Bitwig jedoch ein mächtiges und inspirierendes Tool, mit dem sich schnell interessante Tracks produzieren lassen.

Pro

Effektiver Workflow
Leistungsstarke Modularsektion
Große Sample Library

Kontra

Nichts

Preis:

369,00 EUR

Weitere Informationen gibt es auf der Website von Bitwig.

Veröffentlicht in Tests und getaggt mit Bitwig , Bitwig Studio 3 , DAW , Test

Geschrieben von:
Niko Giortsios

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