Berlins Clubkultur ist alles, was die Nazis nicht sind und was sie hassen: Wir sind progressiv, queer, feministisch, antirassistisch, inklusiv, bunt und haben Einhörner.

Berlin. Als 1989 die erste Loveparade ins Leben gerufen wurde, fiel sie in eine Zeit voller hochbrisanter geopolitischer Situationen: Protestwellen verbreiteten sich nicht nur in der UdSSR und Menschen gingen massenhaft auf die Straßen, um gegen repressive Politik und eingeschränkte Menschenrechte Partei zu ergreifen. Was zunächst noch unter dem recht unverfänglichen Motto Friede, Freude, Eierkuchen stattfand, erwuchs sich in den kommenden Jahren zu einem bunt-gefärbten, Trillerpfeifen-bewaffneten Sinnbild des überwundenen Kalten Kriegs. Techno wurde dabei zur lebensbejahenden Hymne des Mauerfalls, zur Bewegung einer ganzen Generation und vor allem zu einem sicheren Ort der Entfaltung für Menschen aller Identitäten, Herkünfte, sexuellen Orientierungen, Geschlechter und Ansichten.

Knapp 30 Jahre später, nach einer längeren Entspannungsphase, sind militärische Aufrüstung und soziale sowie politische Spannungen wieder vermehrt an der Tagesordnung. Unter zunehmender Globalisierung, realem Klimawandel und verheerenden Kriegen steigen gesellschaftliche Ängste, die sich auch im Erstarken von populistischen Kräften manifestieren. Sei es nun Donald Trump in den USA, die Fünf-Sterne-Bewegung in Italien oder hierzulande eben die AfD.

Die AfD lädt zur Großdemo / © Marius Pritzl

Dies hat Auswirkungen: Dass Räume der gelebten (Techno-)Freiheiten rechten und hochkonservativen Bewegungen ein Dorn im Auge sind, zeigt sich jüngst an allerhand Repressalien gegen Einrichtungen der elektronischen Musik. Ob nun der von den georgischen Behörden mit schwerbewaffneten Polizisten brutal durchgeführte Einsatz gegen den Club Bassiani, der aufmerksamkeitsheischende AfD-Antrag für die Schließung des Berghains oder die durch religiöse Fanatiker manipulierte Provozierung einer Schließung des Beiruter The Gärten: Die freiheitlichen, inklusiven Werte der Szene werden zunehmend offen angefeindet.

AfD wegbassen

Umso wichtiger sind die Ereignisse des vergangenen Sonntags: Unter dem Motto AfD wegbassen - Reclaim Club Culture against Nazis riefen etliche Initiatoren der Berliner Club- und Veranstalter-Szene, darunter die Griessmühle, das ://about blank und female:pressure, zu einem lautstarken Protest gegen die angesetzte AfD-Großdemo auf. Den aus ganz Deutschland anreisenden Rechten und ihrer Ideologie sollte ein Gewicht entgegengesetzt werden.

Und die Idee ging auf. Bis zu 70.000 Menschen trafen sich zu einem friedlichen Zug, der von der Siegessäule und vom Potsdamer Platz aus bis hin zum Brandenburger Tor führte. Das waren dann auch deutlich mehr als die Gegenseite, die vor eben jenem Wahrzeichen Deutschlands ihre Fahne schwenkte und sich in Tiraden gegen "Umvolkung", Merkel und "Binnensternchen-Volldeppen" verstieg. Jene "Volldeppen" aber tanzten, feierten, musizierten auch noch lange über die Anwesenheit der AfD hinaus und bildeten dabei ein frohes Fest. Und setzten ein imposantes Zeichen: Die Berliner Clubszene steht zusammen und setzt sich für ihre Werte ein!

Die Hilfsbereitschaft vor Ort war groß: Wem in der Hitze an Wasser fehlte, durfte überall mittrinken, wer zur Pause an den Rand des Zuges wollte, wurde freundlich durchgelassen. Man mag vielleicht einwenden, dass dieses Spektakel auch viele Schaulustige anzog, die nur des Feierns wegen teilnahmen. Dies trifft aber nicht den Charakter der Veranstaltung: Etliche Initiativen wie der Queer Block oder Aufstehen gegen Rassimus standen Schulter an Schulter auch mit etablierten Parteien wie Die Grünen, Die Linke oder der SPD, um aktiv für ihre Rechte und gegen eine Beschneidung dieser einzustehen. Der überwiegende Teil wirkte fokussiert, trunken höchstens vor Euphorie des Moments.

 

 

Apropos Momente: Der Zug von Sonntag hatte einiges an Gänsehaut. Das Gefühl für etwas Wichtiges, Schützenswertes Partei zu ergreifen war allgegenwärtig und elektrisierte die Teilnehmenden. Damit hatte die Veranstaltung durchaus auch den Anflug von etwas Historischem inne, "so muss sich die Loveparade am Anfang angefühlt haben" war öfters zu vernehmen.

Und ja, vielleicht waren wir Zeuge des Anfangs eines neuerlichen, die Ausmaße einer Loveparade erreichenden großen (Friedens-)Zug durch Berlin, durch den Techno seine Werte nach außen sendet. Techno und elektronische Musik können im Jahr 2018, knapp 30 Jahre nach den ersten Anfängen, immer noch für eine politische Bewegung stehen, die sich geschürten Ängsten der Populisten widersetzt und einen Gegenentwurf zu Isolierung und Ausgrenzung darstellt. Der Bedarf ist da. Techno verbindet immer noch alle Altersschichten und ist, um es mit den Worten der Veranstalter zu sagen, "alles, was die Nazis nicht sind und was sie hassen: Progressiv, queer, feministisch, antirassistisch, inklusiv und bunt." Das zumindest hat dieser vergangene Sonntag eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

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