Bruchstelle: Ist Techno nicht mehr die Musik der Zukunft?
© Laurent Garnier

Bruchstelle: Ist Techno nicht mehr die Musik der Zukunft?

Features.10. März 2019

Die Debatte um die Qualität zeitgenössischer Musik wurde schon immer ausgiebig wie auch emotional geführt. Jazz und Blues war die Musik des Teufels, die Beatles der Untergang der Gesellschaft, Hiphop treibt Jugendliche in die Kriminalität, der Techno verblödet die Menschen und ist auch überhaupt gar keine richtige Musik. Auch heute noch wird diese Debatte immer wieder neu aufgewärmt. Abseits des pseudowissenschaftlichen Quatschs, der sich vor allem auf YouTube mit Videos wie "The TRUTH why modern music is awful" breitmacht, stellt die heutige Zeit allerdings eine gewisse Zäsur da. Denn die Debatte hat sich vielerorts geändert. Verteufelt wird die neue Musik nicht etwa wegen ihrer Unsittlichkeit oder rebellischen Ader. Vielmehr wird der heutigen Generation vorgeworfen genau diesen Innovationsgeist und die Auflehnung nicht mehr zu haben.

Nun hat sich auch mit Laurent Garnier eine der Größen des Technos zu genau diesem Sachverhalt zu Wort gemeldet. 'Ist Techno noch die Musik der Zukunft?' - diese bedeutende wie auch interessante Frage stellte der französische DJ und Produzent in seinem Real Talk für XLR8R. Garnier, der selbst seit Tag 1 oder vielmehr Tag 2 mit dem Techno verbunden ist, wirft nun einen mehr oder weniger nostalgischen Blick zurück und sinniert anlässlich einer von ihm kuratierten Ausstellung über 30 Jahre elektronische Musik. Sein Text und vor allem seine These, dass Techno eben nicht mehr die Musik der Zukunft sei, sorgte für großes Aufsehen und wurde viel beklatscht - leider aber viel zu wenig diskutiert, denn so manch ein von ihm angeführter Punkt bietet Grund zur Kritik.

Garnier offenbart in diesen Passagen, dass er Musik und deren Geschichte fast ausschließlich linear denkt.

Bevor wir zu Garniers Kernfrage nach der Zukunft der Musik kommen, beginnen wir allerdings mit einem der größten Streitpunkte, die er in seinem Real Talk offenbart. An einem gewissen Punkt nämlich beginnt Garnier damit, ein Bild der neuen Generation (zu der ich mit Ende 20 auch gehöre) zu malen, welches so niemals von uns akzeptiert werden kann und darf: Er spricht von einer frustrierten Generation. Frustriert darüber, dass ja all die Musik, die heute gemacht wird, bereits schon einer früheren Generation gehöre. Gleichzeitig erzählt er uns von den tollen Zeiten damals, als alle fünf Jahre eine völlig neue Musik die andere ablöste. Nun gut, alte Männer, die von früher erzählen, sind nichts Neues. Allerdings offenbart Garnier in diesen Passagen, dass er Musik und deren Geschichte fast ausschließlich linear denkt.

Bei ihm löst das Eine immer direkt das Andere ab. Alles folgt aufeinander und schließt an einem gewissen Punkt ab. Nehmen wir sein Beispiel des Jazz. Für ihn hört der Jazz mit dem Tod von Davis und Coltrane auf und seitdem hören wir in diesem Genre nichts Neues bzw. Bahnbrechendes mehr. Angesichts von heutigen Künstlern wie Jakob Collier, Nate Smith, Flying Lotus, Thunder Cat oder den großen Vertretern des J Dilla Jazz wie einem Chris Dave lässt sich diese Aussage aber relativ schnell widerlegen. Doch all das Namedropping ist wenig zielführend, denn genau so argumentiert Garnier eben auch. Er nennt bedeutende Künstler aus bestimmten Jahrzehnten und erhebt sie zu dem Standard eines Genres. Das ist natürlich eine gern gesehene Argumentation und grundsätzlich auch nicht komplett falsch, allerdings werden so einzelne Künstler idealisiert und gesellschaftliche Kontexte, aus denen sich Musik entwickelt, vernachlässigt.

Dieser eher nostalgische Blick führt nicht nur zu einer ziemlich eingeschränkten Sicht auf musikalische Strömungen, er lässt auch außer Acht, wie sich unterschiedliche Genres und Künstler und Ideen untereinander beeinflussen. Garnier redet unter anderem von Aphex Twin und Hiphop als revolutionäre Musik, beschreibt aber nicht, dass sich beide (beim Hiphop mehr) aus Ideen, die der Jazz zuvor etablierte, speisen und schlussendlich auch wieder in Wechselwirkung in das Repertoire moderner Jazzmusiker übergingen. Als Beispiel: J Dilla samplete einst das Jazz-Stück 'Diana in the Autumn Wind' von Gap Mangione und machte daraus den Hipop-Klassiker 'Fall in Love'. Dieser wiederum wird heutzutage immer wieder von Jazzmusikern aufgenommen und neu interpretiert. Musik bewegt sich also in einem ständigen Kreislauf der Modernisierung alter Ideen. Selbiges gilt im Übrigen auch für den Techno. Kommen wir nun also zu Garniers Fragestellung: "Ist Techno noch die Musik der Zukunft?" - Nun, sehen wir es nach seinen Maßstäben und seinen Anforderungen bzw. Bildern von Techno, dann ist Techno tatsächlich nicht mehr die Musik der Zukunft. Wenn wir Techno und andere Genres als starre Systeme ansehen, die in ihrer Prämisse irgendwann einmal fest definiert wurden, so ist Techno vermutlich tatsächlich am Ende seiner Schaffenskraft angelangt.

Die damalige Zukunft ist in Teilen zur heutigen Wirklichkeit geworden und kann daher als Vision nicht mehr dienen.

Aber: Das Problem in seiner Argumentation ist, dass er den Begriff der Zukunftsvision absolut setzt. Ein Großteil seiner Erklärung leitet er aus der Haltung und den Geschichten ab, die der Detroit-Techno etablierte. Das ist primär auch richtig, betrachtet man die Anfänge des Genres, doch fehlt in seiner Argumentation die Beschäftigung mit dem Zukunftsbegriff der heutigen Zeit. Vereinfacht gesagt gilt für Garnier: Raumschiffe, Weltall, fremde Planeten und unbekannte Technologie = Zukunft und Techno. Das Narrativ des Detroit-Techno findet man tatsächlich nur noch bedingt in der heutigen Techno-Welt. Nur, was sind die heutigen Bilder mit denen Techno verknüpft wird, was sind das für Geschichten, die heute das Genre füllen? Nehmen wir als Beispiel das 2018 von Vril veröffentlichte Album 'Anima Mundi', übersetzt die 'Weltenseele'. Ein naturphilosophischer Begriff, der sich grob gesagt mit der Seele des Menschen und dessen Einklang mit seiner Umgebung und dem Kosmos beschäftigt. Das, was sich also von Kraftwerk bis hin zum Detroit-Techno zog - nämlich der Schritt vom Menschen hin zur Maschine -, wird derzeit umgewandelt in den Ausdruck des Menschen durch die Maschinen. Liegt genau darin nicht die neue Denkweise von Zukunft?

Unser Alltag wird mittlerweile doch nahezu vollständig durch Technologie bestimmt, wodurch diese zwangsläufig zu einer Selbstverständlichkeit, etwas Natürlichem geworden ist. Die damalige Zukunft ist in Teilen zur heutigen Wirklichkeit geworden und kann daher als Vision nicht mehr dienen. Wo früher noch die Faszination an der Selbständigkeit und dem "generischen" Charakter von Drum Machines, Synthesizern, Sequencern etc. den Umgang damit bestimmte, ist es heute vielmehr die Frage, wie wir trotz all der Technologie das Individuelle, das Menschliche in den Vordergrund rücken können. Deutlich sichtbar wird das Ganze in Moogs Werbevideo zu ihrem neuesten Synthesizer, dem Moog One. Knapp 20 Minuten wird der Moog One mit nostalgischen und irdischen Bildern präsentiert und erhebt den elektronischen Klang und den Synthesizer fast schon zu einem sakralen "Natur"-gewordenen Ding. Eine selbige Rückführung zum "Natürlichen" findet sich vor allem auch im außereuropäischen Raum. In Südamerika bildete sich eine große Szene neuer Techno- und Elektro-Musiker, mit Nicolas Jaar als bekanntestem Vertreter. Sie zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie nicht nur viele organische Elemente in ihre Musik einbauen, sondern sich vor allem auf folkloristische Klänge beziehen, wie beispielsweise im 'Andes Step'. Gleiches gilt im Übrigen auch für die südafrikanische Gqom-Szene.

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Die Vorstellungen von Techno ändern sich derzeit weltweit. Das "klassische" Science-Fiction-Narrativ von Robotern und Dystopien weicht in gewisser Weise dem Umgang mit dem hier und Jetzt und dem irdischen Individuum. Die ewige Blade-Runner-Referenz findet allmählich ihren Weg in die Mottenkiste. Das Bild, das wir heute von einer TR-909 oder einem Juno haben, ist nicht mehr mit Raumschiffen und deren Cockpits verknüpft. Vielmehr gaben wir den Instrumenten eine Seele und sprechen von Wärme. Wir haben das in Detroit etablierte Konzept des Techno also übernommen, nur füllten wir es mit neuen Geschichten und neuen, am aktuellen Zeitgeschehen orientierten Sichtweisen auf das Genre. Die Frage lautet also vielmehr: Ist Techno tatsächlich nicht mehr die Musik der Zukunft oder kann sich Garnier nur nicht von seiner Vorstellung davon trennen? Natürlich durchläuft Techno derzeit einen Zyklus der Reproduktion und hier und da werden alte Kamellen recht uninspiriert wieder aufgewärmt. Gleichzeitig hat das Genre aber durch veränderte und teils vereinfachte Produktionsweisen einen großen Zulauf neuer KünstlerInnen erfahren, die neue musikalische Facetten und Zukunftsbilder erfinden und Techno damit nach wie vor bereichern. Das geht in Garniers Aussagen in seinem von Nostalgie geprägten Blick dann leider etwas verloren.

Veröffentlicht in Features und getaggt mit Bruchstelle, Laurent Garnier, Techno, Zukunft

Geschrieben von:
Simon Ackers