Review: Demian Licht – Die Kraft [Motus Records]

Review: Demian Licht – Die Kraft [Motus Records]

Features 19. Juli 2020

Mexiko-Stadt ist vielen nicht unbedingt als die mittelamerikanische Techno-Metropole schlechthin bekannt. Tatsächlich aber floriert dort seit einigen Jahren eine fruchtbare Underground-Szene, die weit über Rave- und Clubkultur hinausgeht. Über Kunst, Musik, Theater und Tanz artikuliert sich dort ein starker Drang nach kulturellem Ausdruck und dem Wunsch, neben dem großen Nachbarn USA eine eigene Identität zu wahren. Auch Produzentin Luz González Torres versucht elektronischer Musik wesentlich mehr abzugewinnen als 'nur so ein bisschen auflegen'. Mit 'Die Kraft' ist jetzt ihr offizielles Debüt als Demian Licht erschienen. Darauf erforscht sie ihre Verbundenheit mit Mexiko als Ursprung, Berlin als Inspiration und auch ein wenig die Synergien dazwischen.

Als studierte Tontechnikerin steht Torres im regen Austausch mit Leuten der DAW-Software Ableton. In ihrer Heimat lehrt sie als zertifizierte Trainerin in Workshops das Produzieren, vom Anfänger bis zum Experten. Bestens vertraut ist sie nicht nur mit der Musiksoftware selbst, sondern auch wie man sie als Grundlage für ein Gesamtkonzept nutzen kann: Ihre Auftritte werden stets durch selbstproduzierte Licht- und Videoinstallationen begleitet. Auch für die vorliegende LP ist in Abstimmung mit einem Multimedia-Studio aus Mexiko-Stadt ein Showkonzept aus DJ-Performance mit Live-Orchestrierung sowie Lichtmodellationen und Bühnenkulisse in Planung.

Auf dem Cover posiert sie mit fester Mine über den Dächern Berlins, sichtlich bereit für die Stadt. Das Album selbst ist in zwei Hälften zu unterteilen. Während sie auf der ersten Hälfte zumeist Motive der Bewegung und Körperlichkeit miteinander verknüpft, wirkt die andere Hälfte vermehrt spirituell. Als gedanklicher Rahmen diente dem Album die Idee des 'Camino Rojo', dem roten Pfad, ein philosophisches Konzept, mit dem am Vorbild von Vorfahren in verschiedenen Ritualformen diverse Geisteszustände reflektiert werden.

'Invoke' beginnt als Opener recht verzerrt und bizarr. Man erwartet ein dekonstruktivistisches Glitch-Hop-Album angespielt zu haben. Nach kaum 40 Sekunden ist das Intro beendet und 'Ollin' startet die Reise durch Torres Debüt-LP. Darauf bewegt sie sich bereits im zügigen House- bis Techno-Tempo. Die Klangkulisse wirkt halluzinatorisch, einem Fiebertraum gleich breiten sich hypnotische Klangkörper spiralförmig in alle Richtungen aus. Im Hintergrund bewegt sich wiederkehrend ein pfeifender Ton. Schnell wird Demians Handschrift einer unbehaglichen Grundstimmung deutlich, die sich bereits auf der EP-Trilogie 'Female Criminals' bemerkbar gemacht hat.

Auf 'Pneuma' bauen sich verzerrte Pitch-Vocal-Fetzen zu einer gespenstischen Melodie auf, während sich im Hintergrund das oszillierende Geräusch einer Kreissäge in den Gehörgang schneidet. Manchmal klingen ihre Stücke gleichermaßen fragmentarisch wie tanzbar. Torres beherrscht das Spiel, ihr Publikum zu fordern. Auf 'Instinto' zerlegt sie sakrale Chor-Spuren und setzt sie beliebig versetzt wieder zusammen. Das wirkt im Laufe des Stücks dann schon fast trancig.

Auf 'Schwingung' kommt diese Spur Skurrilität durch, die Torres bereits auf der 12-Inch mit Eomac ausführte. Da sind die schief verbogenen Sound-Reste unter einem recht straight durchmarschierenden 128-bpm-Beat, die dem Setting des Tracks eine manische Note verleihen. Auf dem Titeltrack 'Die Kraft' verbiegt sie ebenfalls Vocal-Passagen von Elsiane-Frontfrau Elsieanne Caplette bis zu einem Punkt, an dem die Stimme zum Instrument wird. Der letzte Track 'Selenophile' ist Torres kleines Meisterstück. Gefühlt kulminieren darin alle Stilelemente, die sie im Verlauf des Albums sorgsam aufbauen lässt.

'Die Kraft' ist am Ende ein Album, in das viel Energie geflossen ist und mit jedem Abspielen auch wieder herausfließt. Die Lesart einer Geisterbeschwörung ist dabei natürlich rein inszenatorisch gemeint. Der Eindruck bestätigt sich aber stellenweise trotzdem immer wieder, denn Torres beherrscht es beeindruckend präzise, eine beklemmende Atmosphäre zwischen Tanz und Rausch entstehen zu lassen. Orakeln wir mal kurz: Die LP könnte Startschuss für einen vielversprechenden Run von Releases werden. Demian Licht sollte man im Auge behalten.

'Die Kraft' erschien am 10. Juli auf Motus Records.

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Geschrieben von:
Tim Tschentscher

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