Review: DJ Metatron - Loops Of Infinity (A Rave Loveletter) [All Possible Worlds]

Review: DJ Metatron - Loops Of Infinity (A Rave Loveletter) [All Possible Worlds]

Features 30. Oktober 2020

'This is not a perfect party, we are not perfect people, yet we are called to a perfect mission!' DJ Metatron aka Traumprinz aka Prince of Denmark aka DJ Healer schnippelt an der 'Rainbow Coalition'-Rede von Jesse Jackson rum, um uns auf die nächsten eineinhalb Stunden einzustimmen. Auf einen Loveletter an den Trance der 90er und Pastiche-Rave aus einer Zeit, die nie existierte, aber in unendlichen Schleifen, ohne Anfang und ohne Ende, eben doch war und gewesen sein wird - als raum-zeitlicher Pathos, den man nur begreift, wenn man ihn erlebt hat. Jede Beschreibung zum neuen, acht Platten umfassenden Album von DJ Metatron riecht zwangsläufig nach Weihrauch und schmeckt so sakral wie drei Schlucke Rotwein aus dem goldenen Messkelch. Dabei transportiert die Musik auf 'Loops Of Infinity (A Rave Loveletter)' nicht einfach das Erlebnis im Club, sondern einen distanzierten Blick auf das Erlebnis im Club, das sich aus Erinnerungen an Ekstase, Eskapismus und Energie am Dancefloor zusammensetzt.

Das mag überbacken-esoterisch klingen, als laberten zwölf Typen in Haremshosen über ihren letzten LSD-Trip. Aber: Man reflektiert, indem man den Rave-Underground von außen betrachtet, ihn spürt, hört oder in ihn eintaucht, ohne tatsächlich da zu sein. Die Musik vermittelt das Gefühl des Gewesenen, des Nicht-mehr-Stattfindenden, Schon-immer-Passierten. Das hat nicht nur mit Corona, geschlossenen Clubs und ruhenden Function-One-Anlagen zu tun, sondern mit der Zeit, in der wir uns heute befinden - und mit der Einsicht, dass der Rave, der früher stattfand und die Räume, die einmal Möglichkeiten transportierten, nicht mehr da sind. Deshalb ist der Titel dieses Albums so passend wie ein Kompressor auf einer 909: Metatron hat einen Liebesbrief geschrieben, den Selected-Ambient-Topf ausgeschüttet, um die richtigen Rave-Referenzen zu triggern und das Gefühl einer verlorenen Vergangenheit als Stimmung auf vier Platten gebannt.

Das kann man, wie Mark Fisher über The Caretaker's Hauntology-Rauschen geschrieben hat, als 'zeitliche Pathologie' bezeichnen, weil wir uns in der Sehnsucht nach einer unerfüllten Zukunft in die Melancholie einer Vergangenheit stürzen. Oder man sucht in den Melodien, Arpeggios und Synthesizer-Akkorden, die hart am Kitsch-Krieg vorbeischranzende, phänomenologische Erzählung, die in Brüchen erzählt, so wie die utopische Vorstellung der Vergangenheit brüchig erscheint. Wir stoßen auf dem Album auf jene Lücken, die sich zwischen den einzelnen Tracks offenbaren und darauf warten, gefüllt zu werden. Nicht um die Lücke verschwinden, sie auszufüllen oder glätten zu lassen, sondern um ihre Bruchstellen zu markieren, aus der sie hervortreten. Das Album wird dadurch zu einer Art Essay, das, wie Adorno schrieb, nicht das 'Ewige im Vergänglichen aufsuchen, sondern eher das Vergängliche verewigen' will.

Der Prozess der Verewigung macht die Vergänglichkeit hörbar, indem wir - in diesem Prozess - das Gewesene in einen sinnlichen Kontext zum Hier und Jetzt stellen und damit fiktive Räume eröffnen, um gleichzeitig innerhalb dieser Räume an ihrer Wahrhaftigkeit zu zweifeln. Deshalb evoziert die Musik von DJ Metatron keine Nostalgie, sondern Zuversicht. Es geht nicht um die Fähigkeit, sich an bestimmte Momente erinnern zu können, sondern um die Unfähigkeit, diese Momente wieder zu vergessen. Selbst wenn man Anfang der 90er nicht in vernebelten Bunkern zu Acid-Techno und Trance-Geballer schwitzte, kann man sich an die Erzählungen erinnern, als spräche man eine fremde Sprache, ohne sie zu verstehen. 'Loops Of Infinity' ist mehr als die Summe seiner Teile, eine Ode an die Langstrecke - und keine Platte zum Durchklicken. Was Metatron zwischen ausgegorenen Bangern und schludrigen Instrumental-Loops zusammenbraut, ist die Essenz des Moments, wenn im Club das Licht angeht, der Plattenspieler stoppt und alle ausgespuckt werden in eine Welt, die für ein paar Stunden ganz weit weg war. Ein Album wie eine perfekte Reise durch die Nacht.

Übrigens: Hier geht es zur Review des zeitgleich unter dem Pseudonym 'The Phantasy' veröffentlichten 'Ibiza'.

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Geschrieben von:
Christoph Benkeser

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