Review: Innere Tueren – Opening Night [A Futura Memoria]

Review: Innere Tueren – Opening Night [A Futura Memoria]

Features11. Juni 2022

Innerhalb kürzester Zeit hat sich Ergin Erteber als Innere Tueren mit einem ebenso farbenfrohen wie bedeckten Sound etabliert. Sein drittes Release 'Opening Night' für das junge Label A Futura Memoria mischt der bestehenden Palette dunklere Schattierungen hinzu.

Andere schieben in ihren DAWs kleine bunte Blöckchen hin und her, Ergin Erteber aber nimmt einen breiten Pinsel zur Hand. Die Farbpalette seiner unter dem Pseudonym Innere Tueren veröffentlichten Releases war bisher überwiegend pastellig. Die sanft und sacht geschwungenen Farbverläufe werden eher über die Leinwand gewischt, als dass sie mit festem Duktus aufgetragen würden. Sein selbstbetiteltes Debütalbum für das Label KANN war dementsprechend eine stille Sensation, der Nachfolger 'Welten' ebendort im Juni 2021 stellte dann so etwas wie den perfekten Kompromiss zwischen der inwendigen Einkehr der Selbstisolation und der explosiven Aufbruchstimmung dieses vermeintlichen 'super Sommers' dar. Und jetzt, wo alles wieder losgeht, schiebt sich Erteber eine VHS rein und schaltet, mit dem Quast in der Hand, den Alltag aus.

Sein drittes Release 'Opening Night' erscheint auf A Futura Memoria, dem neuen Imprint von Live-at-Robert-Johnson-Art-Director Michael Satter und Stefan Haag, besser bekannt als Chinaski und S-F-X sowie als cinephile Referenzmaschine. Dementsprechend leiht sich der Titel dieses auf Kassette erscheinenden Albums auch von einem Film John Cassavetes' aus dem Jahr 1977. Die Geschichte dreht sich um eine Schauspielerin, die eine Sinnkrise durchläuft, ums Älterwerden und den Tod. Das macht einen weiten inhaltlichen Rahmen auf, der Plot ist jedoch vollkommen irrelevant für diese 14 Stücke. Denn die fanden, wie so oft bei Innere Tueren, ihren Anfang in der Sprache, das heißt genauer einer Reihe von Notizbüchern, in denen Erteber Titel für Stücke notiert, die er noch nicht geschrieben hatte. 'Wanting Wholeness' etwa, oder 'False Closeness'.

Damit wäre auf semantischer Ebene schon der musikalisch-atmosphärische Rahmen abgesteckt, durch den sich Erteber über eine knappe Stunde bewegt: Mangel, Verlust, Abwesenheit, Einsamkeit statt Zweisamkeit und das Versagen der Kommunikation zwischen zwei Menschen sind die meistens unausgesprochenen und nur manchmal durch den Einsatz von Sprach-Samples zum Ausdruck gebrachten Themen. In klanglicher Hinsicht übersetzt sich die latente Melancholie in verrauschte Stücke, die sich auch genauso anfühlen: Wie Versatzstücke, wie Stückwerk, Einzelteile, aus denen Assemblagen aus Sounds und Texturen erstellt werden. Wo die Vorgänger noch Zugeständnisse an Ertebers eigentlichen Job als DJ und also seinen Background auf dem Dancefloor machten, sind über weite Strecken von 'Opening Night' so gut wie gar keine Rhythmen zu spüren. Zu fühlen ist genau deshalb trotzdem so einiges.

Das fängt schon mit dem Opener an, 'You Don't Understand and I Can't Explain'. Eine traurige zirkuläre Melodie (Eine Art Blas- oder gar ein Streichinstrument? Ein rückwärts laufendes Sample?) schwebt über langsam klonkenden Arpeggien (Verlangsamte Mbira-Klänge oder doch etwa ein Klavier?) und in regelmäßigen Abständen rattern merkwürdige Misstöne durch den Mix, während aus der hintersten Ecke ein scheinbar wortloses Wispern zu vernehmen ist. Die Mittel sind simpel, das Arrangement erst recht: Eigentlich befindet sich alles in ständiger, aufeinander abgestimmter Wiederholung. Es wirkt, als würde Erteber sein Publikum daran teilhaben lassen wollen, wie er eine erste rohe Idee probehört, bevor er daraus einen neuen, wesentlich komplexeren Track baut - und genau das dann aber sein lässt.

Aus genau diesem unfertigen Eindruck der Prozesshaftigkeit überhaupt ergibt sich die emotionale Wirkmacht dieser Musik. Dabei entfernt sich Erteber bisweilen deutlich von der eher freundlichen Farbpalette, für die er vor allem bekannt ist. Mit 'Every Cell, With Every Heartbeat, Over and Over Again' liefert er sogar einen Quasi-Industrial-Track ab, dessen mahlendes Miteinander aus verzerrtem Bass und metallischem Geratter einen sonderbaren Puls erzeugt. 'Times in Grey' klingt dann wieder so, wie der Titel es bereits formuliert - er abstrahiert zittrige Emo-House-Melodien über einer nervös flatternden Kickdrum, gerade leise genug, um als rhythmisches Rauschen statt berauschtem Rhythmus zu wirken. Und 'Bahnen II' nimmt tatsächlich eine Zugmetapher auf und versetzt einen dumpf dröhnenden Puls mit kontingent scheinendem Geklacker und einem als nervtötenden Schluckauf geloopten Stimmfetzen-Sample. Es ist nicht alles tiefe Trauer auf diesem Album. Bisweilen scheint die Dunkelheit durchs Licht.

Wobei das allerdings natürlich auch gespendet wird, und das letztlich nicht zu knapp. 'The Garden of Stones (Lost in Kyoto Version)' oder der gemeinsam mit Sascha Ciminiera produzierte Track 'Faith / S.D.A.' rufen New-Age- und Chillout-Tropen auf; 'Final' arbeitet sogar mit Vogelgezwitscher. Doch wie auch die bisweilen stark an die spirituell angehauchten Interludes eines Traumprinz erinnernden Einlassungen zwischen den längeren Tracks - zwischen einer halben und neun Minuten ist hier alles vertreten - wirkt das eben genau deshalb nicht abgegriffen und anbiedernd, weil es so völlig zweckfrei scheint. Denn weder erzählt 'Opening Night' den Plot eines Cassavetes-Films nach noch soll das Album konkrete Stimmungen in Musik übertragen. Nein, über diese 14 Tracks hinweg geschieht etwas viel Schöneres: Erteber nimmt den breiten Pinsel zur Hand und malt drauflos, während ihm alle dabei zuschauen dürfen - und sich niemand darum schert, wie am Ende das Ergebnis aussehen wird.

'Opening Night' von Innere Tueren erschien am 10.06.2022 via A Futura Memoria.

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Veröffentlicht in Features und getaggt mit A Futura Memoria, Album, Innere Tueren, Opening Night, review, Rezension

Geschrieben von:
Kristoffer Cornils

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