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Review: Ross From Friends – Tread [Brainfeeder]

Review: Ross From Friends – Tread [Brainfeeder]

Features 30. Oktober 2021

Angespitzt vom Gedanken an ein mögliches zweites Ross-From-Friends-Album saß Felix Clary Weatherall in der ersten Lockdown-Phase 2020 am Computer und bastelte sich DAW-Werkzeug zurecht. "Thresho" ist ein selbstgeschriebenes Plugin für den Ableton-Baukasten 'Max For Live', mit dem sich Improvisationen automatisiert aufnehmen und speichern lassen ohne Aufnahme und Stop zu benötigen. Weatherall bereitete sich damit eine Möglichkeit des verlustfreien Recordings vor, aus der sich ein Archiv aus Samples und Ideen speisen ließ. Das monatelange Experimentieren resultierte schließlich im Debütnachfolger 'Tread', eine introspektive Rückkehr in die Vergangenheit als Teenager einer englischen Randstadt.

Auffallend differenzierter wirkt Weatheralls Klanghandschrift im Vergleich zum Vorgänger 'Family Portrait'. 'Tread' ist reine Melancholie ohne Traurigkeit, romantisierend ohne Kitsch und gleichwohl persönlich wie universal. Nichts ist zu linear oder statisch. Soundfragmente tauchen bei einem oft zügigen Tempo so schnell auf, wie sie wieder verfliegen. Oft kreiert Weatherall dabei Schichteffekte, indem er klarer gemixte Spuren über plattere matschigere Texturen legt. Lo-Fi ist das allerdings nicht, denn von dieser Zuschreibung hält der Brite ohnehin entschieden Abstand.

Gleich zu Beginn gehen mit der Lead-Single 'The Daisy' bereits die charakteristischsten Melodien der Platte über die Bühne. Da sind diese zittrig spitzen Breaks unter einlullenden Synth-Lines. Eine hochgeschraubte Stimme wünscht sich wiederholend 'I want an ordinary love'. Gegen Ende lädt das Stück sein Momentum voll auf, täuscht eine dropähnliche Dramatik an, löst sich aber wieder in der gleichen Subtilität wie zuvor auf. Wenn Vocals auftauchen, sind sie stets leicht angepitcht. In 'Love Divide' formuliert sich ab und zu ein vernehmbares 'somebody new' heraus, während die Mixtur aus UK-Trance und Ibiza-House gar nicht mal so quietschig scheint.

Überhaupt steckt in Weatheralls Musik ein hohes Level an Detailreichtum. Betrachtet man allein die über den Schluss von 'Revellers' gelegten Verzierungen, ergibt sich daraus ein gewünschter Effekt: Man bleibt im Verlauf des Albums enorm aufmerksam - etwas, was der Vorgänger nicht immer leisten konnte. Mit 'A Brand New Start' variiert das Tempo der Platte, Weatherall setzt unsaubere Soul-Schnipsel über schwebend ambiente Oberflächen. Das Fragmenthafte nimmt noch zu, wenn in 'Spatter/Splatter' Fieldrecordings einer belebten Straße, Kinderchorgesang und Drumschemen zu Break- und Downbeat-Programmierungen werden.

Ob beabsichtigt oder nicht, der Track 'Run' entwickelt sich rhythmisch zur Jogger-Hymne. Vor allem gegen Ende wirkt es, als würden Sportschuhe über einen Schotterweg laufen. Das schafft das Album auch ganz subtil: Weatherall nimmt sein Publikum mit in seine Erinnerungswelt. Ob es das Heimatstädtchen Brightlingsea an der Südostküste Englands ist oder jede andere ist dabei unwichtig. Über Geräusche oder über Samples alter Songs von früher schafft Weatherall einen Erinnerungsbogen. In 'Life In A Mind' taucht eine Patti-LaBelle-Passage aus dem Song 'Music Is My Way Of Life' auf. Man mag sich dann vorstellen, wie häufig das Stück im Elternhaus gespielt wurde, dass die Erinnerung daran den Loop von selbst gebildet hat.

'Tread' endet mit zwei nach dem Ableton-Plugin benannten Stücken. 'Thresho_1.0', das zunächst genügsame IDM-Instrumental, kulminiert nach und nach in chaotischer Distortion, behält das Grundmotiv aber bei und löst sich zuletzt wieder im Ursprung auf. Zuletzt taucht das Motiv in dem nur kurzen Closer 'Thresho_1.1' als Spieldosenmelodie wieder auf und beschließt die Platte. Weatherall hat es mit dem Album geschafft, seine Musik persönlich einzufärben ohne in autobiographische Inszenierung zu verfallen. Die Stücke haben einen intimen aber nahbaren Touch bekommen. Das hatte seiner Kunst bis dahin gefehlt.

'Tread' ist am 22.10.2021 auf Brainfeeder erschienen.

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Veröffentlicht in Features und getaggt mit Album , Brainfeeder , review , Rezension , Ross from Friends , The Daisy , Tread

Geschrieben von:
Tim Tschentscher

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