Review: Solomun – Nobody Is Not Loved [NINL / BMG]
© Chino Moro

Review: Solomun – Nobody Is Not Loved [NINL / BMG]

Features 3. Juni 2021

Mit kleinen wie großen Schritten nähern wir uns offenbar allmählich den Öffnungen von Innengastronomien, Konzerthäusern und Clubs. Darunter fallen auch vermeintliche Großraumdiskotheken, also auf maximalen Umsatz ausgelegte Clubkonzepte. Damit werden natürlich auch wieder Erinnerungen an gut gefüllte Tanzflächen und gefühlsoptimierte Hände-hoch-Musik wach. Ein bisschen so wie Solomun es auf dem Cover zu 'Nobody Is Not Loved' vorgibt. Ein Album, das ästhetisch die große Masse bedienen und zu viel vom Falschen will.

Natürlich ist das alles immer mit vorgehaltener Hand zu lesen, denn wann wenn nicht jetzt hat Kultur in jedweder Form ihre Berechtigung. Electronic im weitesten Sinne mit Pop zu vermischen bedeutet idealerweise aber auch immer einen schmalen Grat des guten Geschmacks auszuloten, oder man lässt es halt. Der Erfolg gibt Solomun allerdings Recht. Seit über 15 Jahren ist der in Hamburg aufgewachsene Musiker als DJ aktiv und hat sich vor allem in House und Deep House verdient gemacht. Die erste große Kür 'Dance Baby' erschien 2009 über das selbstgegründete Label Diynamic Music. Seitdem hat Solomun über zwei Dutzend 12-Inches veröffentlicht, gemixt, geremixt und die großen Floors gespielt. Mittlerweile ist er beim Big Player BMG angekommen, dort wo kürzlich auch Carl Cox einen Deal unterschrieben hat.

Die Vorzeichen sind also auf maximale Reichweite geschaltet. Wir erinnern uns, dass Solomun als Teil einer kleinen Delegation hiesiger DJs in den digitalen Unterhaltungshimmel gehoben und als Charakter in GTA V implementiert wurde. Es ist natürlich nur eine Vermutung, aber möglicherweise lässt sich über den Spielehersteller Rockstar Games ein Link zu Entertainer Jamie Foxx herstellen. Der eröffnet vollmundig den Debütnachfolger 'Nobody Is Not Loved', so als hätte das üblicherweise in R&B und Hip-Hop verhaftete Multitalent nie etwas anderes gemacht. 'Ocean' trägt sich rein instrumental schon fast von selbst. Solomun hat hier einen subtilen aber wirkungsvollen Loop unter einem einzelnen Synth-Key entdeckt. Darüber singt Foxx einen extrem ohrwurmigen Song über das Eintauchen ins Nachtleben. Mehr braucht es nicht, um zu funktionieren.

Leider legt sich Solomun damit die Messlatte schon früh so hoch, dass er im Verlauf des Albums nicht wieder an die eigene Vorleistung herankommt. 'Home' wirkt als Anschluss völlig uninspiriert und ohne jegliche Klimax. Die Stücke 'Your Love Gives Me Gravity' und 'Out Of Focus' scheinen ganz offensichtlich vom Kontrast inspiriert, den The Weeknds fragile Zeitgeist-Stimme üblicherweise über satt produzierte Synthpop-Beats einstreut. Das wirkt hier aber eher schlecht kopiert als gut zitiert. Auf 'The Center Will Not Hold' arbeitet Solomun mal kurz für sich und lässt fett dröhnende Synthesizer die Subbässe beleben.

Schlimm wird es auf 'Tuk Tuk'. Mit implizitem Mitgröl-Anspruch mutet ÄTNA-Sängerin Inéz einen der bislang nervigsten Refrains des Jahres zu. Über das Spoken-Word-Stück 'Take Control' nutzt Solomun die kurze Gelegenheit für erzählerischen Aufbau und lässt Anne Clark die vermeintliche 'Leere' in uns allen heraufbeschwören, um dann mit dem postpunkigen Stück 'Kreatur der Nacht' alles abzuschütteln. Das freidrehende 'Ich hab keine Angst mehr!' von Tobias Bamborschke ist einer der seltenen Momente des Albums, die im Kopf bleiben.

Das ist vielleicht auch das größte Problem der Platte. Das Album hat weder einen wirklichen Fluss noch wirkt die Idee großer Gäst:innen-Highlights (siehe Wolfram) so richtig konsequent durchgezogen. Nun ist das aber immer auch eine Geschmacksfrage. Müsste man das Album mit einem ehrlichen Hype-Sticker bekleben, würde vielleicht sowas diplomatisches wie Hot Mess gut passen. Das Album will wild in alle Richtungen vorfühlen, wirkt gleichzeitig aber auch total glattgebügelt und generisch. Solomun versucht plastikartigen Pop in einen zappeligen Clubkontext zu überführen. Das mag auf manchen Floors funktionieren, aber ist das wirklich das, was man vermisst hat?

'Nobody Is Not Loved' ist am 28.05.2021 auf NINL / BMG erschienen.

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Geschrieben von:
Tim Tschentscher

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