Up and Coming: Quimbie – Ein Debüt zum Abstreifen alter Geister

Up and Coming: Quimbie – Ein Debüt zum Abstreifen alter Geister

Features.24. April 2022

Wir müssen daraus gar kein großes Geheimnis machen: Als uns letztes Jahr 'Sunday Fiction' von Quimbie zugespielt wurde, war uns direkt klar: Dieses Album sehen wir am Ende des Jahres in unserer Topliste wieder. In die Pandemiemüdigkeit rauschten plötzlich 10 Tracks rein, die nur so vor Liebe zur elektronischen Musik strotzen und über die ein frischer Wind des US-House weht. Neo Soul Chords fliegen über rumpelnde Grooves, staubige Samples knistern in den Boxen. Das klingt dann in dem einen Moment wie Flying Lotus zu besten Zeiten, um im nächsten Track in Dancefloor-Filler der Marke Kerri Chandler zu wechseln. Wir wollten also wissen, wer hinter so einem reifen Debüt steckt und trafen Quimbie zum Gespräch. Warum das Wort Debüt nicht so wirklich passend ist, was 'Sunday Fiction' mit dem Abstreifen alter Geister zu tun hat und wie experimentelle Rhodes-Platten die LP formten, erfahrt ihr unserem Up and Coming mit Quimbie.

DJ LAB: Vorab erstmal Glückwunsch zu diesem Album. Wir waren in der Redaktion sehr angetan davon, das muss man hier auch nicht verheimlichen.

Quimbie: Vielen Dank! Ich habe mich sehr gefreut, als ich das gesehen habe. Man rechnet ja nicht unbedingt damit, wenn man was Neues veröffentlicht. Aber es ist natürlich immer schön, wenn die eigene Musik gut ankommt.

Dann lass uns doch direkt zu dem Album kommen. Wie kam es dazu, gleich als Debüt eine LP zu veröffentlichen? Das ist ja dann doch immer noch ein weitaus größeres Statement als die klassischen ersten EPs, mit denen man sich erstmal vorstellt.

Da muss man vermutlich erstmal über die Historie der Entstehung sprechen. Ich habe vorher bereits bei vielen unterschiedlichen Labels unter anderem Namen veröffentlicht und bin schon eine ganze Weile als Produzent unterwegs. Die Sachen, die für das Album entstanden sind, stammen aber aus einer Phase, in der ich alles, was ich so mache, gerade angezweifelt habe. Das war also ein bisschen der Versuch eines Ausbruchs aus meiner bisherigen musikalischen Karriere. Das Album-Format bot sich da dann ganz natürlich an, gerade weil ich davor immer in diesem klassischen EP-Zyklus unterwegs war. Man hat immer geguckt, möglichst pro Quartal seine EPs am Start zu haben und präsent zu sein. Während des Schaffensprozesses hab ich dann auch schon gemerkt, dass die Lieder selbst auch immer weniger zu dem passen, was ich davor gemacht habe. Das wirkte alles in allem wie ein großer Reset-Knopf.

 

Wie äußert sich dieser Reset dann musikalisch genau?

Ich würde sagen, dass es sich am meisten darin äußert, dass es totale Impulsmusik ist. Entstanden sind die Tracks bereits 2019 in einem kurzen Zeitraum und wenn ich jetzt das Album höre, wirkt das für mich wie eine emotionale Konservierung. Die Zweifel, mit denen man Musik gemacht hat, mit denen man von den Gigs zurückgekommen ist, die höre ich in der Platte. Allerdings in dem umgekehrten Effekt des Ausbruchs daraus. Ich glaube schon, dass ich mich früher um der Karriere willen immer etwas limitiert habe und nicht so befreit einfach Musik machen konnte. Also, wenn ich das jetzt so sage, klingt das rückblickend doch ziemlich lächerlich. (lacht) Wie dem auch sei, mir war jedenfalls schnell klar, dass es für die Tracks jetzt ein neues Projekt braucht. Eines, bei dem ich meine ganzen Einflüsse und die viele Musik, die ich selber gerne höre und immer machen wollte, ganz unbedarft rauslassen kann. Deswegen ist 'Sunday Fiction' am Ende doch eine sehr persönliche Platte geworden, auch wenn es für Außenstehende nicht danach klingt.

Dem würde ich etwas widersprechen. Diese große Energie deines Ausbruchs ist schon deutlich hörbar. Vor allem klang die Platte, und das meine ich nicht despektierlich, wie eine Art Best of US-House. Beim Hören kamen mir direkt Namen wie Moodymann, Kerri Chandler aber auch Ansätze von den alten Brainfeeder und Flying Lotus Tagen in den Sinn.

(lacht) Das ist lustig, weil das echt genau die Namen sind, die ich auch im Sinn hatte. Ich hatte schon Angst, du kommst gleich noch mit J Dilla um die Ecke. Also der amerikanische Einfluss ist natürlich stark vertreten und zu der Zeit habe ich diese Musik sehr viel gehört. Dazu kommt, dass ein Großteil der Platte auch reines Sample Business ist. Ich habe erstmal nur Samples gediggt, bevor ich überhaupt den ersten Track angefangen habe. Ein halbes Jahr dürfte ich damit verbracht haben auf irgendwelchen Blogspots zu surfen, wo ein paar Nerds den geilen Kram hochladen und man sich tierisch aufregt, wenn die Links wieder offline sind. Ich war dann aber auch zu eitel, um das von YouTube zu rippen und hab manchmal ordentlich Geld in die Hand genommen, die Platte bei Discogs gekauft, abgesamplet und dann wieder verkauft. Ich hab da zum Beispiel einen Blog gefunden mit Interviews von alten Jazzfestivals oder diese geile Platte von Clare Fischer, die nur aus so experimentellen Rhodes-Klängen besteht. Das sind echt abgefahrene Sounds, die ich dann in mein Album habe einfließen lassen. Am Ende dürften da so an die 3500 Samples zusammengekommen sein.

Dann steht man also vor einem Berg an Samples. Wie geht es dann von dem Punkt aus weiter, hast du eine bestimmte Arbeitsweise?

Eher ein bisschen das Gegenteil davon. Ich mache mittlerweile immer nur noch so ein-, zweimal für eine kurze Zeit Musik im Jahr. Meistens im Winter, weil ich im Sommer nicht dazu komme. Ich hab dann zwar schon noch meine paar bewährten Dinge, wie etwa meine alte Cubase DAW und ich benutze für die Samples auch immer noch SliceX. Ansonsten versuche ich aber immer Neues einzubauen und um mich rum zu haben. Das kann wie bei 'Sunday Fiction' eben ein riesiger Haufen Samples sein oder wie bei einem anderen Projekt von mir dann vermehrt analoge oder selbst eingespielte Klänge.

 

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Wenn du sagst nur ein-, zweimal im Jahr, welche Zeiträume kann man sich da dann vorstellen?

Wirklich sehr kurze, vielleicht zwei oder auch mal drei Wochen. Das ist auch wieder ein Unterschied dazu, wie ich früher an Musik herangegangen bin. Es gibt jetzt keine Pflicht mehr Musik zu machen und vor allem auch absolut keinen Drang dann auch etwas zu veröffentlichen. Wenn ich merke, ich habe jetzt meine Ruhe und kann mich auf Musik konzentrieren, dann setze ich mich dran. Ich habe dann auch schon eine bestimmte Vorstellung im Kopf, die länger gereift ist und meistens braucht es einen ersten Impulstrack, auf den schnell weitere folgen. So kann ich ziemlich befreit von allem innerhalb von kurzer Zeit einmal alles rauslassen. Wenn da am Ende dann nichts Gutes bei rauskommt, habe ich auch kein Problem damit, das auf der Festplatte zu lassen und damit abzuschließen.

Dein Album ist mit dem großen Fokus und deiner emsigen Suche nach Samples quasi eine Platte über Platten. Jetzt erscheint 'Sunday Fiction' selbst auf Vinyl. Auf Janx Records, einem kleinen, noch jungen Label. Was hat es damit auf sich?

Ich bin mit Philip (Gründer von Janx Records) schon jahrelang befreundet und ohne ihn gäbe es das Album vermutlich auch gar nicht. Er hatte irgendwann meinen Track 'Sunday Fiction' gehört und meinte, den müsste ich unbedingt veröffentlichen. Ich wollte es dann wie bereits gesagt nicht als EP machen und meinte, dass ich noch mehr Tracks habe. So kam dann eins zum anderen. Dass es dann auch auf Platte erscheint, gehört zu Philips Label-Philosophie, von mir würde das nie kommen. Ich liebe Vinyl, aber ich würde nie von meiner eigenen Musik sagen, die muss jetzt auf einen physischen Tonträger gepresst werden. Das muss man sich mal vorstellen, die eigene Musik hören und der dann so eine Wertigkeit geben, dass da jetzt wieder Ressourcen für verschwendet werden. Das geht gar nicht. (lacht) Zum Glück ist dafür dann ja Philip da, der auch mit der notwendigen Sorgfalt und Verbissenheit an diese Sache rangeht. Der hört sich echt nach dem Mastern 10.000 Mal die Tracks an, ob ihm was auffällt und findet dann immer noch Sachen, die man nochmal angehen sollte. Ich hätte da überhaupt nicht die Nerven für und war früher, glaube ich, auch echt oft mit Mittelmaß zufrieden. Hauptsache, man kann ein Projekt dann auch mal abschließen. Mir gefällt der Ansatz, den die Trap-Leute aus Atlanta geprägt haben, deswegen auch total gut. Da wird ein Track produziert und dann abends noch ohne zu zögern ab ins Internet gestellt. Dann ist die Musik direkt da und weiter gehts.

 

Der Abschluss hat sich dann tatsächlich kurz vor Schluss doch nochmal verzögert. Das Album wurde bereits im September letzten Jahres veröffentlicht, aber die LP kommt jetzt erst.

Wir wollten natürlich gerne schon letztes Jahr die LP veröffentlichen. Leider gab es dann einen Fehler in der Testpressung und alles hat sich immer weiter verzögert. Die Presswerke arbeiten auch noch alle auf Hochtouren oder vielmehr schon über dem Limit und deswegen dauert alles extra lange (siehe unseren Kommetar zur Vinylkrise, Anm. d. R). Glücklicherweise hat Philip überhaupt eine Testpressung gemacht, das machen auch nicht mehr alle. Jetzt im zweiten Anlauf ist aber alles gut und die Platte endlich da. Eine schöne Auflage von 300 Stück haben wir gemacht. Auch so eine Sache, bei der ich erstmal etwas gezögert habe und zu Philip meinte, ob wir nicht lieber nur 50 Dinger davon machen wollen. (lacht)

Das Album lebt auch von dem sehr eigenen Grafikkonzept. Woher kommen die vielen Zeichnungen?

Die stammen von Visio Bob aus Münster. Angefangen hat es mit dem Kopf, der auch das Cover ziert. Dann kam die Idee, für jeden Track noch eine weitere Zeichnung zu machen und diese wurden dann am Ende auch noch für YouTube animiert. Ich hatte jetzt die fertige Platte in der Hand und war echt beeindruckt. Da nochmal danke an Philip, der sich in die Sache komplett reinkniet. Der hat die Cover alle mühsam analog per Siebdruckverfahren erstellt und es sieht richtig gut aus.

Dann ist dieses Projekt ja jetzt abgeschlossen. Wo treibt es dich als Nächstes hin und ist schon was Neues als Quimbie geplant?

Mal schauen, ich glaub, ich hätte schon Lust mich bald mal wieder an neue Quimbie-Sachen dranzusetzen. Das ist ja jetzt auch schon drei Jahre her und ich bin gespannt, was heute dabei rauskommen würde. Es kamen ja schon, während ich das Album gemacht habe, neue Einflüsse mit rein und mittlerweile habe ich auch wieder eine ganz andere Vorstellung von House und Sampling. Man kann sich also sicher sein, dass ein neues Quimbie-Album deutlich anders klingen wird als 'Sunday Fiction'. Es können aber auch ganz andere Projekte werden, in denen ich mehr in einen Pop-Bereich gehe oder in ganz obskure Gebiete. Ich beschäftige mich zum Beispiel gerade viel mit alten Schlagern aus den 60ern. Das passiert dann aber unter anderen AKAs. Welche Musik das genau wird, ist dann letztendlich egal, mir ist am Ende nur wichtig, dass ich nirgendwo mehr mein Gesicht reinhalten muss. Wenn ich fertige Musik habe, dann kommt sie in irgendeiner Form auch raus. Ganz konkret kommt jetzt bald auch noch eine Split-EP auf Janx Records gemeinsam mit Ubahnrider. Das werden so Aphex-Twin-mäßige Jungle- und Glitch-Sachen.

Den exklusiven Mix von Quimbie hört ihr hier:

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Veröffentlicht in Features und getaggt mit Brainfeeder, Clare Fischer, Flying Lotus, House, Janx Records, Kerri Chandler, Moodyman, Neo Soul, Quimbie, Sunday Fiction, Up And Coming, US House, Visio Bob

Geschrieben von:
Simon Ackers