ANZEIGE
Test: Ableton Live 11 / Digital Audio Workstation

Test: Ableton Live 11 / Digital Audio Workstation

Tests.28. Juli 2021

Ableton 11: Knappe drei Jahre ist der letzte große Release des Berliner Unternehmens nun her. Mit Live 10 lieferte Ableton ein starkes Update zur Vorgängerversion mit vielen innovativen Instrumenten und Effekten, einem umfangreichen Funktionsupdate für den hauseigenen Controller Push und der nativen Einbindung von Max for Live. So ist es umso spannender zu sehen, was das neue Live 11 samt all seiner Neuerungen zu bieten hat. Ob sich das Update lohnt, checken wir für euch.

Allgemeines

Wie seine Vorgänger wird auch Ableton Live 11 in drei Varianten angeboten, die sich in Funktionsumfang und Anzahl der mitgelieferten Instrumente und Effekte drastisch unterscheiden: Intro, Standard und Suite. Wo sich die unter 100 € angesiedelte Intro Version mit maximal 16 Audio- bzw. MIDI-Spuren und einer kleinen Auswahl essenzieller Instrumenten eher an Ein- und Umsteiger:innen richtet, bietet Standard bereits unbegrenzt viele Spuren, eine deutlich größere Auswahl an Instrumenten, Effekten und Samples. Die mir zur Verfügung stehende Live 11 Suite beinhaltet den gesamten Fuhrpark der hauseigenen Instrumente bzw. Effekte und zusätzlich über 70 GB an Samples, Loops und Presets sowie die Integration der Entwicklerplattform Max for Live.

Was alle drei Versionen gemeinsam haben, ist eine, im Vergleich zu Live 10, erhöhte Anforderung an die Systemleistung. So erfordert Live 11 für einen reibungslosen Workflow unter Windows 10 (Build 1909 und höher) einen Intel® Core™ i5 oder AMD Multi-Core-Prozessor sowie mindestens 8 GB RAM. Anwender:innen von Apple Rechnern wird Mac OS High Sierra (und aufwärts), ein Intel® Core™ i5-Prozessor sowie mindestens 8 GB RAM abverlangt. Auf Nachfrage wurde mir zudem bestätigt, dass die M1 Chips der neuen Apple Systeme problemlos unterstützt werden. Die erhöhten Anforderungen an die Systemleistung fiel mir unverkennbar auf, was aber meinem etwas in die Jahre gekommenen MacBook Pro (Early 2015 / i5 Core / 8 GB RAM) anzukreiden ist. Bei aktuelleren Rechnern dürfte es problemfrei und deutlich flüssiger laufen - dies nur als persönliche Sidenote.

Am Allgemeinen Layout, das sich nach dem Starten der Software offenbart, hat sich im Vergleich zu Live 10 sehr wenig bis nichts geändert. Geübte User:innen werden sich also im gewohnten Clip- und Arrangement-View gleich zurechtfinden, was in Anbetracht der sehr aufgeräumten, intuitiven Oberfläche nach wie vor zu loben ist. Nach kurzer Einarbeitung in die DAW (Digital Audio Workstation) mit den von Ableton an die Hand gegebenen, sehr aufschlussreichen Tutorials (in Form eines Demo-Projekts) beim ersten Starten von Live 11, werden auch Einsteiger:innen schnell in den spielerischen Workflow eingewiesen und zum Experimentieren eingeladen.

Ableton 11: Neue Features

Im Folgenden werden wir uns die einzelnen Neuerungen von Live 11 ansehen: Audio Editing galt nie als größte Stärke von Live. So ist es umso erfreulicher, dass Ableton mit Comping ein interessantes Werkzeug zum Aufnehmen und Bearbeiten einzelner Takes nachreicht. So lassen sich Audio- und MIDI-Spuren in einem vorab festgesetzten Loop immer wieder einspielen, wobei die einzelnen Takes in sogenannten Track-Lanes festgehalten werden. Im Anschluss lassen sich dann besonders gelungene Momente der Aufnahme zum "Perfekten Take" zusammensetzen.

Interessant ist hier jedoch, dass man auch Audiomaterial außerhalb der aufgenommenen Takes in die Spuren einbauen kann und somit auch einen kreativen, experimentellen Nutzen aus dem neuen Feature ziehen kann. Das Schneiden und Arrangieren der einzelnen Parts geht kinderleicht von der Hand und greift gut in die Arbeitsweise der DAW.

Die neue Comping-Funktion von Ableton Live 11.

Ein weiteres von der Community lang ersehntes Feature ist die Einführung von MPE (MIDI Polyphonic Expression) und Polyphonem Aftertouch in Live. Drei der hauseigenen Instrumente - Wavetable, Sampler und Arpeggiator - wurden mit entsprechenden MPE- und Aftertouch-Funktionen nachgerüstet und so lassen sich nun auch vorgefertigte Presets unter "MPE Sounds" in der Library finden. Möchte man eigene Instrumente und Effekte mit MPE oder Aftertouch versehen, wird man auf das herrlich überschaubare und intuitiv zu bedienende "Expression Control" zurückgreifen.

Einzelne MIDI-Inputs wie z. B. Velocity, Aftertouch, Slide und Expression können hier angewählt und einem beliebigen Parameter innerhalb des Projektes zugewiesen werden. Expressiv spielbare Instrumente lassen sich, sofern man einen MPE- bzw. Aftertouch-fähigen Controller sein Eigen nennt, so in kürzester Zeit erstellen und konfigurieren.

Auch die Möglichkeiten Ableton Live auf der Bühne, im Club oder im Proberaum einzubinden, wurden mit dem Major-Update erweitert. Neben neuer Funktionen und einer Erweiterung der Makro-Regler, die es nun ermöglichen bis zu 16 Makros in Instrumenten- und FX-Racks zu vergeben und als User-Presets wieder aufzurufen, ermöglicht "Live Input" dynamische Tempowechsel, die besonders im Band-Kontext glänzen: Im Settings-Menü der DAW lässt sich ein Audiosignal als sogenannter Tempo Follower bestimmen, der die BPM einer laufenden Session vorgibt.

Leider ermöglicht mir eine globale Pandemie keine ausschweifenden Jams im Proberaum, um dieses Feature zu testen, doch habe ich verschiedene akustische (in diesem Fall eine Gitarre) und elektronische Instrumente wie meinen OP-Z von Teenage Engineering als Taktgeber einsetzen und bin vom Ergebnis sehr angetan. Zwar eiert die BPM-Anzeige beim Errechnen des Tempos beim Spielen einer Rhythmusgitarre (die im Band-Kontext ohnehin nie als Taktgeber fungieren sollte), umso präziser jedoch erkennt Ableton 11 das wechselnde Tempo meines angeschlossenen OP-Z bei gespieltem Drumloop. Die dynamische Erkennung des Tempos ist besonders für Live-Performer und Bands ein gelungenes und spannendes Feature, das viele Möglichkeiten der Einbindung von Live 11 mit sich bringt.

Ableton 11: Neue Effekte

Wie bei jedem Update von Ableton Live, freuen wir uns auch diesmal über neue Instrumente und Effekte. Hybrid Reverb, eine Kombination aus Faltungs- und algorithmischen Hall, ist unter den neuen Effekten wohl der konventionellste. Von dezenten und organischen raumähnlichen Reverbs bis hin zu epischen Drone-Sounds hinterlässt Hybrid Reverb, dank seiner vielen Presets und Funktionen, einen guten Eindruck und arbeitet (besonders in den Return-Spuren) als zuverlässiger, Rechenlast schonender Hall-Effekt.

Experimenteller und eigensinniger wird es mit Spectral Resonator, der Audiosignale über einen mathematischen Algorithmus, der sogenannten Fourier-Transformation, errechnet, transformiert und bis ins Unkenntliche zerlegt. Der Clou ist hierbei, dass der Effekt sich auch über ein externes MIDI-Signal modulieren, fast sogar "spielen" lässt. Von Vocalizer-Effekten bis hin zum kompletten Zersetzen des Sounds liefert Spectral Resonator eine beachtliche Bandbreite an Möglichkeiten. Ähnlich speziell, doch nicht weniger aufregend ist der Delay-Effekt Spectral Time. Eingehendes Audiomaterial wird hierbei auf seine Obertöne reduziert und anschließend in ein Delay gesendet. Das daraus hervorgehende Ergebnis ist wahlweise irgendwo zwischen digital verzerrter Drumloop und Wall of Noise. Ein spannender Effekt, speziell für LoFi- und Glitch-Sounds.

Das vom Publison DHM 89, ein digitaler Multieffekt aus den 80ern, inspirierte PitchLoop89 ist ein Pitch-Shifter mit zwei unabhängig voneinander operierenden Loop-Delays. An sein kostspieliges Vorbild angelehnt, klingt der Effekt gewollt retro und besonders bei subtilerer Handhabung angenehm vintage, zu jeder Zeit aber digital. Doch auch PitchLoop89 lädt, eben wegen seiner zwei unabhängig operierenden Delays, zu experimentellen Glitch- und Jitter-Eskapaden ein und reiht sich bestens zwischen die anderen neuen Effekten ein.

Effekte in Ableton Live 11.

Sonstiges

Neben den zahlreichen neuen Features, Instrumenten und Effekten fielen mir beim Arbeiten mit Live 11 auch viele kleine, doch durchaus sinnvolle Neuerungen auf. So ist zum Beispiel ein weiter Teil der Ableton-eigenen Instrumente, Sounds und Loops in Zusammenarbeit mit Spitfire Audio restauriert bzw. neu eingeführt worden. Besitzer:innen der Suite Version werden zudem viele neue und hochwertige Max4Live-Packs (darunter das sehr zu lobende, spielerisch zu bedienende "Inspired by Nature") angeboten. Auch die neuen Probability-Funktionen und Clip-basierten Follow-Aktionen zum Auflockern statischer MIDI-Spuren sind willkommene, sich organisch in den Workflow fügende Neuerungen.

Selbstverständlich bekam auch der hauseigene Controller Ableton Push ein Update mit dem Release von Ableton 11. So profitieren die 64 anschlagsdynamischen Pads nun auch von polyphonem Aftertouch und den neu eingeführten 16 Makro-Reglern, die sich über den Push ansteuern lassen. Neue und erneuerte Instrumente bzw. Effekte lassen sich wie erwartet sehr intuitiv mithilfe des Displays, der Regler und Taster bedienen - löbliche Produktpflege!

Fazit

Der Sprung von Live 10 auf Live 11 ist ein großer und erfreulicherweise ein sehr gelungener. Man merkt schnell, dass Ableton bei der Entwicklung von Live 11 besonders auf die Wünsche der Community eingegangen ist und an den richtigen Stellschrauben gedreht hat. Auf Funktionen wie Comping, MPE und die neuen Effekte möchte man, neben der vielen “Quality of Life“-Updates, nicht mehr verzichten, auch wenn man die etwas höhere Rechenlast der Software verschmerzen muss. Für welche der drei angebotenen Versionen (Intro, Standard und Suite) man sich entscheidet, sollte man im Falle einer Neuanschaffung gründlich überlegen. Ein Update der Vorgängerversion auf Live 11 ist jedoch bedenkenlos zu empfehlen. Unentschlossenen Anwender:innen bietet Ableton zudem eine 90-tägige Testversion an.

Pro

MPE & Polyphoner Aftertouch nativ unterstützt
Neue Funktion: Comping
Neue, spannende Effekte
Probability-Funktionen für MIDI
Dynamische Tempoanpassung mit Live-Input
Überarbeitete Werkssounds
Zahlreiche, kleine Verbesserungen im Workflow

Kontra

Nichts

Preis:

63,00 EUR

Weitere Informationen gibt es auf der Website von Ableton.

Veröffentlicht in Tests und getaggt mit Ableton, Ableton 11, Ableton Live 11, DAW, Test

Geschrieben von:
Jan Jankowski

Deine
Meinung:
Test: Ableton Live 11 / Digital Audio Workstation

Wie findest Du den Artikel?

ø:
Bewertung abgeben